Vor dem Holocaust

Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen

Neues Online-Angebot des Pädagogischen Zentrums des Fritz-Bauer-Instituts und des jüdischen Museums Frankfurt am Main

Liberale Synagoge Darmstadt, um 1900 / Foto: Stadtarchiv Darmstadt
Liberale Synagoge Darmstadt, um 1900 / Foto: Stadtarchiv Darmstadt

 

Das umfangreiche Internetportal »Vor dem Holocaust« – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen zeigt im Wege umfassender Forschungs- Recherche- und Kommentierungsarbeit mehr als 4.000 historische Fotografien aus etwa 300 hessischen Dörfern und Städten – und entpuppt damit eine wahre Fundgrube. Hier entsteht so etwas wie ein elektronisches kollektives Gedächtnis des „ganz normalen jüdischen Lebens“ (F.A.Z.) in Hessen. Unter „Darmstadt“ finden sich u.a. Fotos der Liberalen Synagoge Darmstadt Friedrichstraße, aber auch der Orthodoxen in der Bleichstraße sowie Fotografien bekannter und unbekannter, ganz normaler Darmstädter Juden, darunter Julius Landsberger, Bruno Italiener oder die Familien Gundelfinger oder Rothschild.      Martin Frenzel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Internetportal geht es hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das umfangreiche Internetportal »Vor dem Holocaust« – Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen präsentiert, erschließt und kommentiert mehr als 4.000 historische Fotografien aus etwa 300 hessischen Dörfern und Städten. Sie zeigen das Alltagsleben jüdischer Menschen in ihren hessischen Heimatorten in Familie, Schule, Beruf, Freizeit, im religiösen Leben und im öffentlichen Bereich.

 

 Die Fotos wurden zum größten Teil von jüdischen Familien aus Amerika, Israel und England zur Verfügung gestellt, die früher in Hessen lebten. Sie stammen aber auch aus Sammlungen von hessischen Lokalforschern und aus Archiven im In- und Ausland.

 

 Die Fotos sind ein einzigartiger Fundus zur Erinnerung an eine komplexe kulturelle Lebenswelt in Hessen, die durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört und ausgelöscht wurde. Kein anderes Medium kann das alltägliche Zusammenleben von Juden und Nichtjuden vor der Zeit des Nationalsozialismus so anschaulich vermitteln wie diese zumeist von Laien aufgenommenen Fotografien.

 

 Das Portal zeigt auch Fotos zur nationalsozialistischen Verfolgung und insbesondere zu den Reaktionen jüdischer Menschen in Hessen auf die nationalsozialistische Bedrohung.

 

 Für die pädagogische Arbeit ist dieses Foto-Portal ein bedeutender Baustein. Hinweise zur pädagogischen Nutzung sind im Web-Portal zu finden, Ideen für schulische Projekte werden vom Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischem Museums Frankfurt angeboten.

 

 

 

 

 

 

 

 Kontakt:

 

 Monica Kingreen

 

 Pädagogisches Zentrum FFM

 

 Fritz Bauer Institut & Jüdisches Museum

 

 Seckbächer Gasse 14

 

 60311 Frankfurt am Main

 

 Tel.: 069.212 742 38

 

monica.kingreen@stadt-frankfurt.de

 

www.pz-ffm.de

 

Karl Freund - ein Leben für die Kunst

Karl Freund / Foto: Stadtarchiv
Karl Freund / Foto: Stadtarchiv

 

Der deutsch-jüdische Kunstvermittler und sprachgewandte Kustos des  Hessischen Landesmuseums war Mitglied der Liberalen Gemeinde Darmstadt 

 

 

 

Von Martin Frenzel

 

 Er war ein prominentes Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Darmstadt: Der renommierte, weit über Darmstadts Grenzen hinaus angesehene Kunstwissenschaftler und Kustos des Hessischen Landesmuseums Dr. Karl Freund.

 

Freund (1882-1943) war Schüler des Darmstädter Ludwig-Georgs-Gymnasiums (LGG), Kunsthistoriker, bedeutender Darmstädter Museumsmann und verdienstvoller Kustos des vom großen Architekten Alfred Messel geschaffenen Hessischen Landesmuseums.

 

Dr. Karl Freund stammte eigentlich aus einer deutsch-jüdischen Familie aus dem badischen Odenheim.

 

Am Darmstädter Hessischen Landesmuseseum baute er, der ebenso sprachgewandte wie scharfzüngige Kunstkenner, die dortige Gemäldegalerie, die Skulpturensammlung und Graphische Sammlung maßgeblich auf. Sein Vater hatte im südhessischen Pfungstadt edle Zigarren fabriziert.

 

 Freund studierte zunächst Jura, später Geisteswissenschaften und promovierte 1906, zu Zeiten des wilhelminischen Kaiserreich, als in Hessen-Darmstadt der Großherzog regierte, in München zum Kunstwissenschaftler. Er machte am Großherzoglich Hessischen Landesmuseum ein Volontariat, zog dann aber wie Millionen anderer junger Männer in den "Krieg der Illusionen" (Fritz Fischer), erlebte das Inferno des Schützengrabenkriegs im Ersten Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft.

 

 Nach Kriegsende 1918 begann Karl Freunds Ära als Kustos des Hessischen Landesmuseums, wo er sich als Kunstsammler, ebenso streitbarer wie kenntnisreich-brillanter Kunstvermittler und Ausstellungsmacher einen Namen machte.

 

 Nach der Machtübertragung an Hitler 1933 und der Machtergreifung der NSDAP   auch in Hessen im gleichen Jahr wurde Karl Freund ein Opfer der Nazi-Verfolgungsmaschinerie und des NS-Rassenwahns gegen deutsche Juden: Er erhielt Berufsverbot, wurde jäh aus dem Staatsdienst entlassen. Karl Freund erlebte hautnah, was wir heute aus den Geschichtsbüchern wissen: Dass Darmstadt schon zu Zeiten der Weimarer Republik eine braune Hochburg war.

 

 Es folgte 1938 KZ-Haft im Lager Buchenwald bei Weimar.

 

 Nach seiner dortigen Entlassung missglückte der Versuch, vor seinen Häschern in die USA zu fliehen. Er durchlitt eine Phase der systematischen Diskriminierung, Schikanierung und Entrechtung von Staats wegen, litt auch unter wachsender Vereinsamung.

 

 Sodann wurde Karl Freund erneut verhaftet, zunächst ins "Arbeitslager" Heddernheim bei Frankfurt am Main deportiert und schließlich gewaltsam 1943 nach Auschwitz verschleppt   und dort im Vernichtungslager - soweit bekannt - am 25. August 1943 von den Nazis ermordet.

 

 Dieser Tag war der Geburtstag seiner nicht-jüdischen Ehefrau, der die Nazis die Todesnachricht brutal und rücksichtslos just an diesem Tag mitteilten.

 

 Karl Freunds schriftlicher Nachlass konnte - wie durch ein Wunder - trotz alledem gerettet werden und lagerte bis dato in der umfassenden Graphischen Sammlung im Hessischen Landesmuseum zu Darmstadt: Es handelt sich dabei um fragmentarische, tagebuchähnlich geführte Aufzeichnungen und "Texte zur Kunst", wie Elisabeth Krimmel bei der Präsentation sagte.

 

 

Schon die Tagebücher Viktor Klemperers haben gezeigt, dass gerade diese Art der Rekonstruktion von Geschichte, zumal mit Blick auf das NS-Gewaltregime, tiefe Einblicke erlaubt - von der Verfolgung, Entrechtung und Beraubung der deutschen Juden bis zur Vernichtung.  Vor allem lässt dieses Medium hinter den Zahlen der Millionen Opfer der Shoah das individuelle Schicksal hervorscheinen. Am Beispiel des Menschen Karl Freund lässt sich so nun für heutige Leserinnen und Leser nachvollziehen, wohin Judenhass, Rassenwahn und SS-Staat führten.

 

 Dieses über 1.000 Seiten umfassende opus magnum hat Kimmel nun - in mühevoller Klein- und Detektivarbeit - aufgearbeitet, durchforstet und in Gestalt eines bibliophilen Kompendiums aus kommentierten Karl Freund-Texten, biografischen Hintergründen und mehr als 80 Abbildungen in Buchform herausgegeben.

 

 Anhand der erstmals umfassend veröffentlichten Text-Sammlung Karl Freunds - mit dessen Arbeiten und Essays aus der Zeit zwischen 1920 und 1941 - spiegeln dergestalt nicht nur das Leben eines ebenso brillanten wie streitbaren Kunstvermittlers par excellence, sondern auch die Zeitläufte von der frühen Weimarer Republik bis zum Beginn des Holocausts durch die Nazis.

 

 Dabei erweist sich Elisabeth Krimmels Darstellung des Lebens und Wirkens von Karl Freund als Füllhorn: Vor allem sind es Karl Freunds Sprachgewalt, seine prononcierte Schreibweise und seine kosmopolitische Kunstsinnigkeit, die ihn als eine Persönlichkeit ausweisen, die ihrer Zeit weit voraus ist.

 

 Zu loben ist die Initiative der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen um deren Vorsitzender Ruth Wagner an der Spitze, die - wie schon im Fall des Werks über den TH-Philosophen Julius Goldstein 2008 - hier Maßstäbe bei der Erforschung nicht zuletzt des heute weithin vergessenen liberalen Reform-Judentums in Darmstadt setzt.

 

 Der Band enthält viele seltene, bisher unbekannte Fotos und dokumentiert zahlreiche Abbildungen, die den Leser auch verschmerzen lassen, dass der bibliophile Textmaterialien-Band auch einige bilderlose, arg lang geratene Bleiwüsten birgt, denen ein paar Bild-Auflockerungen durchaus gut getan hätten. Die Druckerei Ph. Reinheimer hat das Buch in bewährt ausgezeichneter Manier gedruckt.

 

  Fazit: Das Buch ist - nicht nur für ausgewiesene KunstwissenschaftlerInnen - sondern auch für allgemein geschichtlich Interessierte - unbedingt empfehlenswert;  eine profunde Nahaufnahme eines prominenten Mitglieds der Liberalen Jüdischen Gemeinde Darmstadt, von denen man sich in Zukunft mehr wünschen würde, weil sie unser Bild des liberalen Reform-Judentums in Darmstadt bis zum Holocaust vervollständigen helfen.

 

 Nach den Worten der heutigen Leitung des Hessischen Landesmuseums soll Karl Freund im wiedereröffneten Alfred Messel-Bau von 2012/13 an - in der neu gestalteten Dauerausstellung des Museums einen angemessenen Ehrenplatz erhalten.

 

 Buchtipp:

 

 

 

Karl Freund 1882-1943

 

Ein jüdischer Kunstwissenschaftler in Darmstadt - Leben und Werk

 

 Bearbeitet und herausgegeben von Elisabeth Krimmel

 

 In Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt und im Auftrag der Hessischen Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, Wiesbaden

 

 

 

Erschienen im Verlag Ph. Reinheimer, Darmstadt

 

388 Seiten, mit 83 Abb. Und zwei Stammtafeln, Preis: EUR 39,00

 

 ISBN 978-921434-32-1

 

 (Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXVI)

 

 

 

 

 

 

 

Der "Juden"-Paß Karl  Freunds - Stigmatisierung durch den NS-Unrechtsstaat
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Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)
Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)

Bürgerehrung 2014 für den FLS-Gründer & Vorsitzenden Martin Frenzel: Für jahrelanges, herausragendes Wirken in Sachen ehrenamtlicher Erinnerungsarbeit wurde Martin Frenzel am 30. April 2014 in der Orangerie mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet. Mehr unter Pressespiegel/Wir über uns. 

Der Förderverein Liberale Synagoge hat  zudem am 20.Mai 2014 den 2. Preis GESICHT ZEIGEN  für Zivilcourage und gegen Rassimus 2014 erhalten. Die Verleihung fand im Justus-Liebig-Haus durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt statt. Der Preis wurde in Anerkennung des ehrenamtlich-erinnerungskulturellen Engagements für ein weltoffenes Darmstadt durch Oberbürgermeister Partsch vergeben.

OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus
OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus

Der FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT e.V. hat "für sein besonderes

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