"Allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. Wissen und Erinnerung sind dasselbe." Gustav Meyerink

Zukunft braucht Erinnerung: Der neue Julius-Landsberger-Platz in Darmstadt

Hommage an einer vergessenen Thora-Gelehrten, Rabbiner und weltoffenen Orientalisten (1819-1890)

Auf Initiative des Fördervereins Liberale Synagoge am 9. 11. 2011 eingeweiht / 8.November 2013 folgten - ebenfalls auf Initiative des Fördervereins Liberale Synagoge - die beiden Julius-Landsberger-Gedenktafeln

Der Julius-Landsberger-Platz, initiiert durch den Förderverein Liberale Synagoge
Der Julius-Landsberger-Platz, initiiert durch den Förderverein Liberale Synagoge
Echo-Foto von der Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes in Darmstadt - auf Initiative des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE / Foto: Darmstädter Echo
Echo-Foto von der Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes in Darmstadt - auf Initiative des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE / Foto: Darmstädter Echo
Der vom Förderverein Liberale Synagoge initiierte Julius-Landsberger-Platz / foto: FLS
Der vom Förderverein Liberale Synagoge initiierte Julius-Landsberger-Platz / foto: FLS

Zweifache Hommage an Rabbi Julius Landsberger:

„Ein neues Darmstädter Zeichen für Demokratie und Toleranz“

Initiator Förderverein Liberale Synagoge weiht gemeinsam mit der Stadt Julius-Landsberger-Gedenktafeln ein / Verein sammelt in zwei Jahren 6.000 Euro an Spenden / Verein startet neue Aktion für Otto-Wolfskehl-Gedenktafel am Wolfskehlschen Garten Frühjahr 2014

Auf Initiative des Fördervereins Liberale Synagoge fand am 8. November 2013 die offizielle Einweihung der beiden Julius-Landsberger-Gedenktafeln auf dem Julius Landsberger-Platz (Klinikumsgelände) statt. Es waren über 100 Menschen zu dieser besonderen Gedenkveranstaltung gekommen, darunter etliche ehemalige, von den Nazis gewaltsam aus ihrer Heimat vertriebene jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Der Verein hatte zuvor zwei Jahre lang im Rahmen seiner Benefizkampagne „Darmstadt braucht eine Julius-Landsberger-Gedenktafel“ die beiden Gedenktafeln konzipiert und für sie rund 6.000 Euro an Spenden aus der Bürgerschaft, von Stiftungen und Unternehmen gesammelt. Martin Frenzel, Gründer und Vorsitzender des Fördervereins Liberale Synagoge, der bereits 2011 die Idee zu dieser zweifachen „Hommage an einen vergessenen Rabbiner“ hatte, erinnerte als Initiator beiden Gedenktafeln in seiner Ansprache an jenes vernichtete liberale Reformjudentum, das bis 1933 die Mehrheit auch in Darmstadt bildete und durch den Holocaust „unwiederbringlich verlorengegangen“ sei. Landsberger sei als charismatischer, kenntnisreicher Thora-Gelehrter und Orientalist heute Sinnbild für Weltoffenheit, Toleranz und Klugheit.  Frenzel sagte, es gehe dem Förderverein Liberale Synagoge mit den beiden Aluminium-Gedenktafeln um ein „sichtbares, zweifaches Zeichen für Demokratie und Toleranz“.

Rabbi Dr.Julius Landsberger (1819-1890) Litho: Stadtarchiv
Rabbi Dr.Julius Landsberger (1819-1890) Litho: Stadtarchiv

1938 – das sei die Verfolgung von Deutschen jüdischen Glaubens durch Deutsche christlichen Glaubens gewesen. „Diese Menschen waren deutsche Staatsbürger“, so Martin Frenzel über die Opfer. Der Antisemitismus sei leider keineswegs passé, im Gegenteil: Die Antisemitismus-Studie der Bundesregierung habe alarmierende Zahlen zutage gefördert. Jeder fünfte Deutsche gelte demnach zumindest als latent judenfeindlich. „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ – dies sei, so der Vorsitzende des Fördervereins Liberale Synagoge weiter, die zentrale Lehre der „Katastrophe vor der Katastrophe 1938“, als Darmstadts Synagogen brannten und „das Leben der jüdischen Darmstädterinnen und Darmstädter zerbrach“. Er kündigte eine neue Benefizaktion seines Vereins an: So werde man ab sofort Spenden für eine neue Otto Wolfskehl-Gedenktafel fürs Frühjahr 2014 zu Ehren des großen deutsch-jüdischen Darmstädters (1841 – 1907) und seiner Familie sammeln – „denn eine solche Hinweistafel fehlt bislang völlig im Wolfskehlschen Garten“.

Einweihung der vom Förderverein Liberale Synagoge initiierten beiden Julius-Landsberger-Gedenktafeln 8.11.2013: V.r.n.l.: Martin Frenzel, Moritz Neumann, OB Partsch, Bildhauer Roese, Irith Gabriely. Foto: Förderverein Liberale Synagoge
Einweihung der vom Förderverein Liberale Synagoge initiierten beiden Julius-Landsberger-Gedenktafeln 8.11.2013: V.r.n.l.: Martin Frenzel, Moritz Neumann, OB Partsch, Bildhauer Roese, Irith Gabriely. Foto: Förderverein Liberale Synagoge
FLS-Vorsitzender Martin Frenzel vor den beiden Rabbi Julius Landsberger-Gedenktafeln / Foto: Arthur Schönbein (Darmstädter Tagblatt)
FLS-Vorsitzender Martin Frenzel vor den beiden Rabbi Julius Landsberger-Gedenktafeln / Foto: Arthur Schönbein (Darmstädter Tagblatt)

 

Martin Frenzel dankte an allen Spendern – nicht zuletzt vielen Darmstädter Bürgerinnen und Bürgerinnen, die beide Gedenktafeln ermöglicht hätten. Der Förderverein Liberale Synagoge wolle mit seiner Hommage an den vergessenen Großherzoglichen Rabbiner Dr. Julius Landsberger einen Beitrag leisten zum kulturellen, kollektiven Gedächtnis der Stadt. Und er zitierte Richard von Weizsäcker: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“ Das Kunstwerk Roeses zeigt den in 16 Teilen zerquaderten Kopf des Rabbis Landsbergers. Die zweite Gedenktafel „Zukunft braucht Erinnerung“ präsentiert seine Vita (1819-1890), ein Porträt-Litho und ein Foto „seiner“ Liberalen Synagoge von 1876. Der Darmstädter Bildhauer Gerhard Roese (51)  übergab Moritz Neumann zudem ein kostbares Landsberger-Buch aus dem Jahre 1874. Zum Schluss spielte Irith Gabriely das Klezmer-Stück  "Adon Olam" („Herr der Welt“). Es dient regelmäßig als ein heiteres  Schluss-Gebet für jeden Sabbat Gottesdienst.

 

Aus: DARMSTÄDTER TAGBLATT vom 14.November 2014 

 

Zukunft braucht Erinnerung: Der neue Julius-Landsberger-Platz auf dem Darmstädter Klinikumsgelände

Auf Initiative des Fördervereins Liberale Synagoge am 9. November 2011 eingeweiht

Julius-Landsberger-Platz-Straßenschild, nach einer Idee und Initiative des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE
Julius-Landsberger-Platz-Straßenschild, nach einer Idee und Initiative des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE

 

Auf Initiative unseres Fördervereins Liberale Synagoge und nach einer Idee von Martin Frenzel wurde am 73. Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9.November 2011, der JULIUS-LANDSBERGER-PLATZ von Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (GRÜNE) eingeweiht. Der Platz unweit der städtischen Gedenkstätte Liberale Synagoge Darmstadt auf dem Klinikumsgelände erinnert an den weltoffenen Rabbiner und Orientalisten Dr. Julius Landsberger (1819-1890), der eine fast 30jährige als Großherzoglich-Hessische Landesrabbiner prägte und als „Lichtgestalt des liberalen Reformjudentums“ galt, wie Martin Frenzel, der Vorsitzende des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt bei der Eröffnung in seiner Rede sagte.  

 

Martin Frenzel (FLS-Gründer & Vorsitzender) bei seiner Rede zur Einweihung des Landsberger-Platzes, 9.11.2011 / Foto: FLS
Martin Frenzel (FLS-Gründer & Vorsitzender) bei seiner Rede zur Einweihung des Landsberger-Platzes, 9.11.2011 / Foto: FLS

 

Bürgerinnen und Bürger konnten für unsere im Juni 2012 gestartete SPENDENAKTION "DARMSTADT Braucht eine Julius-Landsberger-Gedenktafel 2013" spenden. Ziel war es, spätestens bis  9. November 2013, dem 75. Jahrestag der Reichspogromnacht (als auch in Darmstadt die jüdischen Gotteshäuser brannten und von den Nazis zerstört wurden) eine Erinnerungstafel am neuen Julius-Landsberger-Platz zu platzieren, die an den großen Rabbiner und weltoffenen Orientalisten erinnern soll. Im Blickpunkt der Tafelen werde Landsbergers Maxime, das Jesaja-Wort "Dieses Gebetshaus möge offen sein für alle Völker" stehen. Ein Dictum, das auch überm Eingangsportal der Liberalen Synagoge Friedrichstraße stand.

 

OB Jochen Partsch, Moritz Neumann (Vors. der Jüd. Gemeinde DA) bei der Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes, 9.11.11 - Foto: FLS
OB Jochen Partsch, Moritz Neumann (Vors. der Jüd. Gemeinde DA) bei der Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes, 9.11.11 - Foto: FLS

"Lichtgestalt des Reformjudentums"

Namensgebung: Ein Plätzchen zwischen Klinikbauten ist nun nach dem einstigen Landesrabbiner Julius Landsberger benannt

10. November 2011 | Von Paul-Hermann Gruner |

 

Exakt 11.45 Uhr: Oberbürgermeister Jochen Partsch zieht an der Schnur und die Umhüllung fürs neue Schild fällt herab. Das kleine Plätzchen, umgeben von streng funktionalen oder vollkommen gesichtslosen Bauten des Klinikums Darmstadt, heißt nun nach Julius Landsberger (1819-1890). „Erster Rabbiner der Liberalen Synagoge Darmstadt, Landesrabbiner der Provinz Starkenburg, Orientalist“ erklärt ein Zusatzschildchen.

Im Auftrag des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE geschaffen: Das Julius-Landesberger-Relief des Darmstädter Bildhauers Gerhard Roese / Foto: Förderverein Liberale Synagoge
Im Auftrag des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE geschaffen: Das Julius-Landesberger-Relief des Darmstädter Bildhauers Gerhard Roese / Foto: Förderverein Liberale Synagoge

„Am 9. November vor 73 Jahren brannten in ganz Deutschland die Synagogen“, begann Partsch seine Worte zur offiziellen Einweihung und Benennung des von jungen Platanen und Ruhebänken strukturierten Plätzchens. Die Liberale Synagoge stand bis 1938 in direkter Nachbarschaft des Landsberger-Platzes, galt durch ihre Gestalt und Ästhetik einst als „Zierde unserer Stadt“, wie Partsch Landsberger zitierte.

Der OB lobte zweierlei. Zunächst den „sehr klugen und schnellen Entschluss“ des damaligen OB Peter Benz, die bei Erdarbeiten für einen Klinikneubau entdeckten Fundamente der Liberalen Synagoge sofort zu sichern und die Bauarbeiten zunächst zu stoppen. Nur so sei der heutige Gedenkort für die Synagoge möglich geworden, so Partsch, „der nicht nur einer der jüdischen Gemeinde ist, sondern ein Gedenkort für die gesamte Stadt“.

Zum Zweiten lobte Partsch den Einsatz des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt. Nicht zuletzt ihr Vorsitzender Martin Frenzel habe auch die Benennung des Landsberger-Platzes „trotz aller Irrungen und Wirrungen des Projektes“ erfolgreich initiiert und durchgesetzt. Erinnerungsarbeit habe große Tradition in Darmstadt, „sie muss aber auch Zukunft haben“. Er wünsche sich, so Partsch, dass vor allem mehr Schulklassen als bisher den Gedenkort samt Landsberger-Platz für die historische Bildung nutzten.

Zweite Gedenktafel "Hommage an Rabbi Dr.Julius Landsberger" - Zukunft braucht Erinnerung - ebenfalls am Landsbergerplatz, Klinikumsgelände
Zweite Gedenktafel "Hommage an Rabbi Dr.Julius Landsberger" - Zukunft braucht Erinnerung - ebenfalls am Landsbergerplatz, Klinikumsgelände

 

Sind Sie Jude?, das werde er immer wieder gefragt, begann dann Martin Frenzel seine Ausführungen. Nein, sei er nicht. Wichtig sei ihm das „stadtpolitische Zeichen gegen das Vergessen“, und stolz sei er, dass knapp ein Jahr nach der ersten Forderung, doch einen Landsberger-Platz zu schaffen, diese Idee Wirklichkeit sei. „Erinnerungsarbeit ist keine Sache von Sonntagsreden, sondern eine tägliche Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe“, so Frenzel.  

 

Martin Frenzel, Vorsitzender des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE, während seiner Rede zur Einweihung der beiden Landsberger-Gedenktafeln, 8.11.13 Foto: FLS
Martin Frenzel, Vorsitzender des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE, während seiner Rede zur Einweihung der beiden Landsberger-Gedenktafeln, 8.11.13 Foto: FLS

 

Landsberger nannte er die „Lichtgestalt des liberalen Darmstädter Reformjudentums“ (mehr auf dieser Seite). Der Förderverein hat seine Arbeit am Landsberger Platz auch noch keinesfalls eingestellt. Der Verein sammle zurzeit für eine Bronzetafel, die zu Ehren des Rabbiners auf dem Platz installiert werden solle.

 

Moritz Neumann von der Jüdischen Gemeinde nannte die Namensgebung schlicht und klar ein „Bekenntnis“. Es sei das erste Mal in dieser Stadt, dass ein Stück von ihr nach einem Rabbiner benannt werde – nach all der Ehrerbietung gegenüber Politikern, Künstlern und Militärs. Womit er bei seinem Stichwort war: einer kleinen kritischen Anmerkung zur Arbeit der Straßenbenennungskommission.

 

Wünschenswert wäre gewesen, so Neumann, bedenkliche Benennungen im öffentlichen Raum zu verändern. Da gebe es zum Beispiel die Hindenburgstraße. Immer noch. Die Straße – benannt nach dem Generalfeldmarschall im 1. Weltkrieg, späteren Reichspräsidenten und greisen Steigbügelhalter für den Reichskanzler Hitler –, die gebe es immer noch. „Sie hat allen Versuchen einer Demokratisierung widerstanden.“

 

Den Julius Landsberger-Platz zu finden, gehört künftig definitiv nicht zu den leichten Übungen in Darmstadt. Würde es statt einer Hindenburg- an gleicher Stelle nun eine Landsberger Straße geben, hätte dies tatsächlich, sowohl symbolisch wie faktisch, ein ganz anderes Gewicht.

Die beiden vom FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE initiierten Julius-Landsberger-Gedenktafeln (2013) am Julius Landsberger-Platz (2011) Foto: FLS
Die beiden vom FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE initiierten Julius-Landsberger-Gedenktafeln (2013) am Julius Landsberger-Platz (2011) Foto: FLS

 

Infobox:

 

10. November 2011 | paul |

 

 

 

Julius Landsberger (1819-1890), der Humanist

 

Der erste Rabbiner der Liberalen Synagoge Darmstadt hatte sein Amt fast dreißig Jahre inne, von 1859 bis 1888. Geboren wurde er 1819 in Zülz in Oberschlesien. Das Abitur machte er in Breslau, danach Studium der Orientalistik und der arabischen Sprachen erst in Breslau, dann in Berlin. Ab 1849 Rabbiner und Religionslehrer in Brieg, Schlesien, 1859 Berufung nach Darmstadt.

 

 

Der zu Lebzeiten hoch renommierte Thora-Gelehrte, Orientalist, Humanist und Autor sorgte dafür, dass über dem Eingangstor `seiner` Liberalen Synagoge in Darmstadt ein Spruch des Propheten Jesaja angebracht wurde: „Dieses Haus möge offen sein für alle Völker“.

 

Landsberger starb am 3. März 1890 in Berlin, sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof in Darmstadt. Auf seinem Grabstein steht sein Titel: „Großherzöglich Hessischer Landesrabbiner“. 

 

 

 

Aus: DARMSTÄDTER ECHO 10. November 2011, Lokalteil, S. 13 (Darmstadt-Seite) / Artikel von Paul-Hermann GRUNER

 

Rabbi Walter Rothschild auf dem Julius-Landsberger-Platz, Nov.2012 / Foto: FLS
Rabbi Walter Rothschild auf dem Julius-Landsberger-Platz, Nov.2012 / Foto: FLS
Rabbi Walter Rotschild segnet den neuen Julius-Landsberger-Platz, Nov.2012 / Foto: FLS
Rabbi Walter Rotschild segnet den neuen Julius-Landsberger-Platz, Nov.2012 / Foto: FLS
Rabbi Walter Rothschild auf dem Landsbergerplatz (Hintergrund: Der Kantinen-Container des Klinikums), Nov.2012 / Foto: FLS
Rabbi Walter Rothschild auf dem Landsbergerplatz (Hintergrund: Der Kantinen-Container des Klinikums), Nov.2012 / Foto: FLS

"Charismatisch und weltoffen"

Die Stadt Darmstadt benennt einen Platz im Klinikum nach Julius Landsberger, dem ersten Rabbiner der Liberalen Synagoge.

 

h.r. DARMSTADT. Die Stadt hat gestern den Tag der Erinnerung an die Pogrome der Nationalsozialisten im November 1938 zum Anlass einer Namensbenennung genommen. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) enthüllte zusammen mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadts, Moritz Neumann, und dem Vorsitzenden des Fördervereins Liberale Synagoge, Martin Frenzel, ein Schild mit der Aufschrift "Julius-Landsberger-Platz". Der Gelehrte und Orientalist war der erste Rabbiner der vor 135 Jahren eingeweihten Liberalen Synagoge der Stadt und von 1859 bis 1888 auch Landesrabbiner der Provinz Starkenburg. Landsberger starb 1890.

Der nach ihm benannte Platz befindet sich unweit der vor zwei Jahren eröffneten Gedenkstätte "Erinnerungsort Liberale Synagoge", die auf jenen Fundamentresten errichtet wurde, die vor Jahren bei Neubauten auf dem Gelände der städtischen Kliniken entdeckt worden waren. Sie sind das Einzige, was von der Brandnacht 1938, in der auch die Orthodoxe Synagoge zerstört wurde, übrig geblieben ist. Partsch sagte, die Gedenkstätte wie der Landsberger-Platz seien Orte der Erinnerung für alle Darmstädter, die deutlich machten, dass die Stadt "Erinnerungsarbeit" als eine Aufgabe der Gegenwart und Zukunft betrachte. Er sei froh, dass der Beirat für Straßenbenennung Frenzels Vorschlag gefolgt sei, einen Platz nach Landsberger zu benennen, der eine "charismatische und weltoffene Persönlichkeit" gewesen sei. Neumann erinnerte daran, dass schon Partsch Vorgänger im Amt, Walter Hoffmann (SPD), vor einem Jahr die Absicht bekundet habe, eine Straße nach dem liberalen Rabbiner zu benennen.

 

Er habe Hoffmann daraufhin vorgeschlagen, die Hindenburgstraße in Landsberger-Straße umzubenennen. Diese Idee habe aber "allen Versuchen der Demokratisierung" widerstanden. Das erzielte Ergebnis sei typisch für die Stadt: Einerseits bleibe alles beim Alten, andererseits komme mit dem Landsberger-Platz nun etwas Neues hinzu. "Das ist zwar nicht sehr gut, aber es ist immerhin gut", sagte Neumann.

 

 Frenzel nannte es erstaunlich, dass Julius Landsberger in Darmstadt so lange in Vergessenheit geraten sei. Zu Lebzeiten sei er ein bekannter Orientalist gewesen, als glänzender Kanzel-Redner, Talmud-Gelehrter und Goethe-Kenner geschätzt und von vielen überdies bewundert worden für seine Weltoffenheit. Charakteristisch für seine Haltung sei das von ihm gewählte Jesaja-Wort gewesen, das über dem Eingangsportal der Liberalen Synagoge gestanden habe: "Dieses Haus möge offen sein für alle Völker". In Anspielung auf das "Offene Haus" der Evangelischen Kirche in Darmstadt sagte Frenzel, mit der Liberalen Synagoge habe es schon vor 135 Jahren ein solches "offenes Haus" gegeben. Durch sein Wirken habe Landsberger das jüdische Leben in Südhessen über 30 Jahre geprägt und dazu beigetragen, dass Darmstadt bis zur Machtübernahme der Nazis als ein Zentrum des liberalen Reformjudentums gegolten habe.

 

 Der Förderverein Liberale Synagoge hat gestern eine Spendenkampagne gestartet, aus deren Erlös er die Anschaffung einer Bronzetafel finanzieren will, die zusätzlich zum Straßenschild auf den Landsberger-Platz hinweisen soll. Außerdem hat Frenzel die Bürger der Stadt aufgerufen, eventuell noch vorhandenes historisches Bildmaterial, das die Zerstörung des jüdischen Gotteshauses 1938 dokumentiert, zur Verfügung zu stellen. Am Nachmittag versammelten sich wie jedes Jahr am 9. November Vertreter der Politik und des gesellschaftlichen Lebens auch in der neuen Synagoge an der Glässing-Straße, um der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken.

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2011, Nr. 262, S. 55

SAT-1 Landesmagazin "17.30" sendete TV-Beitrag zur Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes

Das SAT-1 Landesmagazin "17.30" sendete ff. Beitrag über die Einweihung des JULIUS-LANDSBERGER-PLATZES in Darmstadt: Den Fernsehbeitrag können Sie unter ff. Link sehen:

 

Hamburger Abendblatt berichtete über die Einweihung des Darmstädter Julius-Landsberger-Platzes 2011

Radio Darmstadt sendete einen Komplett-Mitschnitt zur Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes 2011

 

Sendefertig geschnittener Mitschnitt der Einweihung des Julius-Landsberger-Platzes vor dem Gedenkort Liberale Synagoge am 9.11.2011 in Darmstadt. Julius Landsberger war zwischen 1859 und 1888 Landesrabbiner in Darmstadt.

 

Hören Sie die drei Reden hier:

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Zukunft braucht Erinnerung

Förderverein Liberale Synagoge startet FLS-Kampagne: DARMSTADT braucht eine

Rabbi Bruno Italiener-Gedenktafel November 2017!

Rabbi Dr. Bruno Italiener (1881-1956)

Karl Heß-Platz eingeweiht am 15. Januar  2017

Rabbiner, Retter der Darmstädter Pessach-Haggadah, resoluter Kämpfer gegen den Antisemitismus.

FLS-Rundgang:

Jüdisches Darmstadt

Auf den Spuren der Liberalen Synagoge, eines NS-Verbrechens und Rabbi Dr. Bruno Italieners

Termin: Sonntag, 24. September 2017, 14.30 Uhr, Gedenkstätte, Klinikums, Zugang via Bleichstr. Höhe Gagernstr. oder Julius-Landsberger-Platz, Eintritt frei. Spenden für die Rabbi Dr. Bruno Italiener-Gedenktafel 2017 erbeten.

 

Der FLS lädt ein:

FLS-Rundgang: Mai 2017

Jüdisches Darmstadt

Auf den Spuren der Liberalen Synagoge, des Rabbiners Bruno Italiener und eines NS-Verbrechens

Termin: Sonntag, 22. Oktober 2017, 14.30 Uhr, Treffpunkt Eingang Gedenkstätte, Klinikumsgelände, Zugang Bleichstr. Höhe Gagernstr. Eintritt frei

Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)
Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)

Bürgerehrung 2014 für den FLS-Gründer & Vorsitzenden Martin Frenzel: Für jahrelanges, herausragendes Wirken in Sachen ehrenamtlicher Erinnerungsarbeit wurde Martin Frenzel am 30. April 2014 in der Orangerie mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet. Mehr unter Pressespiegel/Wir über uns. 

Der Förderverein Liberale Synagoge hat  zudem am 20.Mai 2014 den 2. Preis GESICHT ZEIGEN  für Zivilcourage und gegen Rassimus 2014 erhalten. Die Verleihung fand im Justus-Liebig-Haus durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt statt. Der Preis wurde in Anerkennung des ehrenamtlich-erinnerungskulturellen Engagements für ein weltoffenes Darmstadt durch Oberbürgermeister Partsch vergeben.

OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus
OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus

Der FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT e.V. hat "für sein besonderes

Engagement" in Sachen aktiver Erinnerungskultur den Ludwig-Metzger-
Anerkennungs-preis 2013 erhalten.

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