Förderverein Liberale Synagoge: "Für ANTISEMITEN, egal in welchem Gewand, darf es keinen Millimeter Toleranz geben!"

Rede Martin Frenzel (Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt e.V.) auf der Demonstration "Solidarität mit Israel! Gegen Antisemitismus und Islamismus" am Samstag, 26. Juli 2014, 15 Uhr, Luisenplatz in Darmstadt

 

Liebe Anwesende,

 

ZUKUNFT braucht Erinnerung und Geschichtsbewusstsein – nie war dieser Satz richtiger, brandaktueller als heute. Zukunft braucht Erinnerung ist das Motto unseres FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT – und es sollte GERADE JETZT das Motto aller Demokratinnen und Demokraten in unserer Stadt sein… Wir sind tief in Sorge über den wachsenden Antisemitismus, in all seinen Spielarten: rechtsextrem, bürgerlich oder islamistisch… Wir sind tief besorgt über diese üble QUERFRONT… Darüber, dass Judenhass auf der Straße, in der Schule und im Alltag immer mehr salonfähig wird. Über die verbale und physische Gewalt gegen Menschen jüdischen Glaubens…

 

Wir sind tief besorgt, dass sich MENSCHEN jüdischen Glaubens nicht mehr angstfrei in Deutschland bewegen können – Angst haben müssen um Leib & Leben, Angst haben vor Bedrohung und Gewalt.

 

Hannah Arendt hat mal gesagt: Vor Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher… ich bin mir nach den Ereignissen der letzten Zeit da nicht mehr so sicher. Ich glaube, man ist davor nicht einmal auf dem Monde sicher…

 

Die Antisemitismus-Studie der Bundesregierung hat es schon 2012 gezeigt: Wir haben es heute nicht nur mit Neonazis und Ewiggestrigen Nazis zu tun, sondern es gibt zwei gar nicht so neue Spielarten des Judenhasses in Deutschland: Das eine ist der Salon-Antisemitismus in den feinen, wohlsituierten  bürgerlichen Kreisen, die sich erschreckender immer mehr Bahn bricht…

 

Das andere ist der orientalische Antisemitismus – Stichwort Islamisten, Stichwort ultrakonservative Salafisten usw. usf.

 

Dieser neue alte Antisemitismus-Cocktail ist brandgefährlich. Ein Brandsatz, der jederzeit einen Flächenbrand entwickeln kann…

 

Schon ERICH MÜHSAM wusste: Der Antisemitismus ist stets ein Symptom reaktionärer Hochkonjunktur.

 

Liebe Anwesende, es gibt aber auch einen latenten „Ich habe ja nichts gegen Juden, aber“-Antisemitismus. Einer, der auf gar nicht mehr so leisen Sohlen im Gewand der angeblich reinen ISRAEL-KRITIK daherkommt… dann aber umschlägt, in Ressentiments gegen alles Jüdische generell…

 

Ich will hier den Akzent legen auf die Bedrohung unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, auf Deutsche jüdischen Glaubens, die hier in unserm Land verbal und physisch bedroht werden. Es geht nicht nur um Israel, es geht auch und gerade um den Schutz der Deutschen jüdischen Glaubens, die hier in Deutschland leben.

 

Der Gazakrieg hat hierzulande die DÄMME brechen lassen…

 

Wir müssen diese Welle des Judenhasses wieder eindämmen, um unserer eigenen Demokratie willen

 

Israel verdient unsere uneingeschränkte Solidarität. Nicht nur aus historischen Gründen, sondern, weil es die EINZIGE DEMOKRATIE im Nahen Osten ist…

Viele benutzen einen USB-Stick, ohne zu wissen, dass er in Israel erfunden wurde!

Wenn Sie in Tel Aviv oder in Haifa Netanjahus Politik öffentlich auf dem Marktplatz kritisieren, kräht kein Hahn danach, tun sie das Gleiche in Syrien, dem Iran oder in anderen Regimen der Regionen, müssen Sie um Leib und Leben fürchten, landen Sie in den Folterkellern dieser menschenverachtenden Regime…

Wir alle erinnern uns, wie brutal und repressiv das iranische Regime die grüne Revolution des eigenen Volkes unterdrückt hat.

Noch eins: Hamas und Hisbollah sind keine Friedensengel. Wer, wie der militante, vom iranischen Mullahregime unterstützte Flügel der Hamas, Menschen als lebende Schutzschilder missbraucht, ist skrupellos, treibt ein infames Spiel… das ist das Spiel geht so: Man zündet ein Haus an und stellt sich danach vors brennende Haus und fragt unschuldig: Wer hat denn das getan?

Die Brandstifter werden zu Biedermännern.

 

Wir sind tief in Sorge über die unsäglichen Judenhass-Sprüche auf Demos landauf, landab… es ist ein Skandal, was einige Zeitgenossen hier am letzten Freitag ungestraft vom Stapel gelassen haben – AUSGERECHNET IN DARMSTADT!

 

Einer Stadt, die schon VOR 1933 eine TIEF-BRAUNE HOCHBURG war… und aus der jahrelang Nazi-Parolen hallten…

 

Wir stehen hier auf dem Luisenplatz, der in der Nazi-Zeit Adolf-Hitler-Platz hieß…

Solche antisemitischen Parolen ausgerechnet in der Stadt von Werner Best, dem dritten Mann hinter Himmler und Heydrich im SS-Staat, dem Lenker der deutschen Einsatzgruppen in Polen, Gründer der Gestapo und des KZ Osthofens, dem Mitorganisator der Deportationen in Frankreich… Werner Best – geboren 1903 in Darmstadt!

 

Ausgerechnet in der Stadt von Karl Wolff, dem hohen SS-Offizier und der rechte Hand des Diktators Hitler, geboren in Darmstadt – 1900! Verantwortlich für die Massaker im von der Wehrmacht besetzten Italien…

 

Ausgerechnet in der Stadt von HANS STARK, geboren 1921 in Darmstadt… der zu den schlimmsten Häschern und SS-Tätern im Vernichtungslager Auschwitz gehörte… eigenhändig Hunderte Menschen in Auschwitz ermordete und einer der Haupt-Angeklagten im Frankfurter Auschwitz-Prozess war…

 

Ausgerechnet in der Stadt, in der im Jahr des Schreckens 1938 die jüdischen Gotteshäuser brannten, geplündert, geschändet und verwüstet wurden

 

In der deutsch-jüdische Geschäfte zerstört und jüdischer Besitz von Staats wegen geraubt und enteignet wurde…

 

Und ausgerechnet in einer Stadt, in der 1938 eine Menschenjagd ohnegleichen begann…

 

Ausgerechnet HIER in Darmstadt, von wo aus über DREITAUSEND (3.000) Menschen in die Todes- und Vernichtungslager des Ostens verschleppt und dort ermordet worden…

 

Ausgerechnet Darmstadt!

 

Wir begehen 2015 den 70. Jahrestag der Befreiung von der Nazi-Diktatur – und es war eine Befreiung! Den 70. Jahrestag des Kriegsendes des 2. Weltkriegs, der ein Angriffs- und Vernichtungskrieg seitens des Nazi-Regimes war. Wir dürfen in der Tat 1945 nicht trennen von dem, was von Anfang an war…

 

Schon im Kaiserreich vor über 100 Jahren gab es hier in Darmstadt eine Antisemitenpartei, die über 20 Prozent für den Reichstag bekam…

1912, im Jahr, als die TITANIC sank, wurde ein jüdischer Student hier in der Rheinstraße hinterrücks ermordet…

Der Antisemitismus ist 1933 nicht vom Himmel gefallen!

 

Eine Lehre aus der Geschichte hieß 1945 und in der Zeit danach, heißt HEUTE gerade auch hier in Darmstadt: NIE WIEDER!

Und dieses NIE WIEDER!, dieses WEHRET DEN ANFÄNGEN ist heute AKTUELLER denn je.

 

DEMOKRATIE ist nichts Statisches, für DEMOKRATIE müssen die Bürgerinnen und Bürger jeden Tag aufs NEUE kämpfen, sich engagieren…

DEMOKRATIE bedeutet auch und gerade: Aktiven und solidarischen MINDERHEITENSCHUTZ, wenn diese BEDROHT werden. Es bedeutet aber auch die Pflicht, gegen Antisemitismus, gegen Judenhass und Rassismus, gegen rechtsextreme Gewalt zu demonstrieren und aktiv auf die Straße zu gehen….

 

Das sind wir den tapferen Widerstandskämpfern des 20.Juli schuldig, von denen Viele aus Darmstadt kamen: Den Wilhelm Leuschners, Carlo Mierendorffs, Theodor Haubachs, Ludwig Schwambs oder Elisabeth Schumacher!

 

Wir vom FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE sind besorgt ob der Stolperstein-Attentate hier in Südhessen,

über aktuelle Schmierereien von Neonazis hier Darmstadt auf dem Marktplatz…

Solange vor der Neuen Synagoge Darmstadt  tagaus tagein ein Polizeiauto steht, Rundumdieuhrbewachung nötig ist, Morddrohungen an der Tagesordnung sind,

 solange kein Tag in Deutschland vergeht, an dem nicht irgendeine Gewalttat, irgendein Angriff auf jüdische Menschen verübt wird,

wie etwa auf den Berliner Rabbi Daniel Alter, der in Berlin vor den Augen seiner kleinen Tochter krankenhaus reif geschlagen wurde

wie etwa der Liberale Rabbiner Walter Rothschild, den man in einer Berliner S-Bahn verprügelte, ist nichts normal in diesem Land…

Solange dies alles in unserm Land passiert, ist nichts normal in Deutschland.

 

Um es ganz deutlich zu sagen: Die verbalen und körperlichen Akte der GEWALT gegen Deutsche jüdischen Glaubens sind ein ANSCHLAG auf unsere Demokratie, auf den liberalen Rechtsstaat, auf den Minderheitenschutz und damit ein ANSCHLAG auf uns alle…

 

Für ANTISEMITEN, egal in welchem Gewand, egal in welcher Montur, darf es keinen Millimeter Toleranz geben…

 

Bei Judenhass gilt gerade in diesem Land der Täter, das fast 6 Millionen Juden vernichten ließ, der kluge Satz: WEHRET DEN ANFÄNGEN – und WENN RECHT ZU UNRECHT WIRD, WIRD WIDERSTAND ZUR PFLICHT.

 

Mit Fritz Bauer (Hessischer Generalstaatsanwalt und Vater des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, 1903 – 1968):

 "Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden."

 

Wir vom FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE fordern, dass Erinnerungsarbeit eine dauernde Zukunftsaufgabe sein muss – und zwar von uns allen, von jeder und jedem von uns.

Wir fordern, dass Volksverhetzer mit antisemitischen Parolen von der Justiz konsequent belangt werden

Wir erwarten, dass die Polizei unsere jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger nachhaltig vor Gewalt und verbaler Bedrohung schützt

Wir sagen: Wer Menschen jüdischen Glaubens angreift, greift uns an. So gesehen sind wir momentan alle Juden! 

 

Demokratie erfordert HELLWACHE Bürgerinnen und Bürger! Islamismus und Rechtsextremismus  und leider auch linksextreme Strömungen – es gilt, diese unheilige Allianz JETZT zu stoppen!

 

  Diese sogenannte Querfront, inspiriert und geleitet durch den dubiosen Publizisten Jürgen Elsässer, ist eine GEFAHR für unser Land.

Micha Brumlik hat Recht:  Wir müssen durch Dialog, aber auch mit Mitteln des Strafrechts Brandmauern errichten, damit die Funken dieser nahöstlichen Konflikte nicht auf die Bundesrepublik überspringen.

 

FAZIT: Leo Trepp, bedeutender Liberaler Rabbiner hat einmal gesagt, was immer noch RICHTIG ist:

 "Immer mehr Deutsche teilen die Ansicht, dass die Nachgeborenen keine Schuld an den Verbrechen der Vorfahren haben, aber dass jeder Deutsche für den Kampf gegen den Antisemitismus verantwortlich ist."

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Zukunft braucht Erinnerung

Förderverein Liberale Synagoge startet FLS-Kampagne: DARMSTADT braucht eine

Rabbi Bruno Italiener-Gedenktafel November 2017!

Rabbi Dr. Bruno Italiener (1881-1956)

Karl Heß-Platz eingeweiht am 15. Januar  2017

Rabbiner, Retter der Darmstädter Pessach-Haggadah, resoluter Kämpfer gegen den Antisemitismus.

FLS-Rundgang:

Jüdisches Darmstadt

Auf den Spuren der Liberalen Synagoge, eines NS-Verbrechens und Rabbi Dr. Bruno Italieners

Termin: Sonntag, 24. September 2017, 14.30 Uhr, Gedenkstätte, Klinikums, Zugang via Bleichstr. Höhe Gagernstr. oder Julius-Landsberger-Platz, Eintritt frei. Spenden für die Rabbi Dr. Bruno Italiener-Gedenktafel 2017 erbeten.

 

Der FLS lädt ein:

FLS-Rundgang: Mai 2017

Jüdisches Darmstadt

Auf den Spuren der Liberalen Synagoge, des Rabbiners Bruno Italiener und eines NS-Verbrechens

Termin: Sonntag, 22. Oktober 2017, 14.30 Uhr, Treffpunkt Eingang Gedenkstätte, Klinikumsgelände, Zugang Bleichstr. Höhe Gagernstr. Eintritt frei

Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)
Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)

Bürgerehrung 2014 für den FLS-Gründer & Vorsitzenden Martin Frenzel: Für jahrelanges, herausragendes Wirken in Sachen ehrenamtlicher Erinnerungsarbeit wurde Martin Frenzel am 30. April 2014 in der Orangerie mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet. Mehr unter Pressespiegel/Wir über uns. 

Der Förderverein Liberale Synagoge hat  zudem am 20.Mai 2014 den 2. Preis GESICHT ZEIGEN  für Zivilcourage und gegen Rassimus 2014 erhalten. Die Verleihung fand im Justus-Liebig-Haus durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt statt. Der Preis wurde in Anerkennung des ehrenamtlich-erinnerungskulturellen Engagements für ein weltoffenes Darmstadt durch Oberbürgermeister Partsch vergeben.

OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus
OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus

Der FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT e.V. hat "für sein besonderes

Engagement" in Sachen aktiver Erinnerungskultur den Ludwig-Metzger-
Anerkennungs-preis 2013 erhalten.

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