Meine Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler,
Nie war das Motto unseres Fördervereins Liberale Synagoge: ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG so aktuell wie heute, in diesen Zeiten!
Sie war eine Zierde unserer Stadt: Heute feiern wir mit dieser besonderen Gedenkveranstaltung wir 150 Jahre Liberale Synagoge, jenes Jüdischen Gottes- und Versammlungshauses, das mit weitem Abstand das größte seiner Art in Darmstadt war. Ein – wie man im Kaiserreich sagte – „majestätischer“ Monumentalbau, der Darmstadts Dächer überragte.
Als sie vor 150 Jahren, am 23. Februar 1876, eingeweiht wurde, da feierte nicht nur die Liberale Jüdische Gemeinde, nein, die ganze Darmstädter Stadtgesellschaft nahm regen Anteil: Zu Ehren der neuen, imposanten Liberalen Synagoge tanzte die ganze Stadt, im Hotel „Haus zur Traube“ am Luisenplatz, das Darmstädter Tagblatt lud per Anzeige deswegen zum Tanzball ein…
62 Jahre lang war dieser „Israelitische Tempel“, wie man große Synagogen damals nannte, ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt: Mit den vier über 20 Meter hohen Ecktürmen….
Ehe die Nazis, die Schergen der SA die Liberale Synagoge im Darmstädter Novemberpogrom plünderten, schändeten, in Brand steckten und am Ende in 1000 Stücke sprengten.
Von Hannah Arendt stammt der Satz: „Vor Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher.“
Ich bin aber nicht sicher, ob man dort sicher wäre, kann man doch dank Wernher von Braun mit der Rakete zum Mond fliegen.
Nicht einmal dort wäre man, fürchte ich, vor Judenhass sicher.
Der Antisemitismus war NIE WEG aus Deutschland: Darmstadt war eine Hochburg der NSDAP schon zum Ende der Weimarer Republik, aber der Antisemitismus fiel nicht plötzlich 1933 vom Himmel – und verschwand auch nicht 1945 wieder plötzlich von der Erde.
Der Judenhass war nie weg aus Deutschland.
Schon über 80 Jahre vor Hitler und Nazis raste eine Welle der antisemitischen Gewalt durch ganz Deutschland… im Jahr 1819… 100 Jahre vor Gründung der NSDAP… Bei den sog. Hep-Hep-Unruhen fingen christliche Mitbürger urplötzlich an, ihre jüdischen Mitbürger zu jagen, zu schlagen, zu verfolgen… eine Orgie der Gewalt, die durch zahlreiche Städte raste… von Süd nach Nord…. Ein FLÄCHENBRAND des Judenhasses und der Gewalt… Und siehe da, im August 1819, wütete ein christlich-antisemitischer Mob auch und besonders brutal in Darmstadt… erst spät entschied sich der Großherzog, der Gewaltwelle gegen Jüdinnen und Juden militärisch ein Ende zu bereiten.
In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, mitten im Kaiserreich und lange vor Hitler, kandidierte hier in Darmstadt eine Antisemiten-Partei, die 20 Prozent der Wählerstimmen für den Berliner Reichstag erhielt.
Dazu fällt mir nur Carl von Ossietzky ein: Der Antisemitismus ist dem Nationalismus blutsverwandt und dessen bester Alliierter.
UND, ebenfalls Ossietzky: „Was heute braune Hemden trägt, läuft morgen vielleicht in blauen oder violetten herum.“
Im Jahr 1912, im Jahr als die Titanic sank, geschah am helllichten Tag in Darmstadt ein Mord an einem jüdischen TH-Studenten, der hinterrücks in der Rheinstraße erstochen wurde.
Der renommierte deutsche Historiker Norbert Frei, 2012 zu Gast in Darmstadt beim FLS, schreibt in seiner neuen Adenauer- Biografie: „Das ‚Dritte Reich‘ musste den Deutschen nicht aufgezwungen werden. Zu viele wollten es.“
Hinter den Steinen, die aus den Mauern der Liberalen Synagoge schreien, standen aber Menschen. Deutsche, Darmstädter jüdischen Glaubens, die unsere Stadt nachhaltig prägten: Menschen wie der erste Großherzogliche Landesrabbiner, Orientalist und enge Freund des Großherzogs, Rabbi Dr. Julius Landsberger, der schon zu Lebzeiten zur Legende geriet.
Menschen jüdischen Glubens wie Otto Wolfskehl und seine beiden Söhne Karl und Eduard Wolfskehl,
Menschen wie Heinrich Blumenthal, der Gründer des Johannesviertels, das zunächst nach ihm benannt war, das Blumenthalviertel. Und der ein Vor-vor-vorgänger Daniel Neumanns war, erster Vorsitzender der Liberalen Jüdische Gemeinde...
Menschen jüdischen Glaubens wie Karl Heß, den deutsch-jüdischen Vorsitzenden des SV Darmstadt 98, der von 1924 bis 1933 als Vorsitzender und vorher als stellvertretender Vorsitzender in der Weimarer Republik eine Ära prägte. Ehe ihn die Nazis mit Berufsverbot belegten, illegal aus dem Amt jagten und ihn und seine Frau Frieda gewaltsam aus der deutschen und südhessischen Heimat vertrieben.
Noch immer hat Karl Heß‘ berühmter Satz von 1965 nichts an Aktualität verloren: „Derjenige, der mich zum Juden gemacht hat, war Hitler, vorher war ich Deutscher.“
Für alle diese Darmstädter Persönlichkeiten jüdischen Glaubens – für Rabbi Landsberger, für Otto Wolfskehl und seine große Familie im Bessunger Wolfskehlschen Park, für Heinrich Blumenthal auf dem Johannesplatz und nicht zuletzt für Karl Heß – mit dem Karl Heß-Platz samt Gedenktafel – vorm Merck-Stadion am Böllenfalltor haben wir, der FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE, seit 2011 überall in Darmstadt Gedenktafeln aufgestellt und je einen Julius Landsberger – und Karl Heß-Platz initiiert – oder wie der ehemalige OB Peter Benz es einmal sagte, Wegzeichen der Demokratie geschaffen.
Vier Gedenktafeln – alle unter dem Motto unseres Fördervereins Liberale Synagoge: Zukunft braucht Erinnerung. Oder auch mit Saul Friedländer: Gebt der Erinnerung NAMEN. Say their Names.
Wir vom FLS erinnern immer wieder auch und gerade an Jüdische Frauen aus Darmstadt: An Helga Keller, Hanna Skop, geb. Posner, Anna Elias, Marie Trier, Gertrud Ullmann, Elsbeth Juda geb. Goldstein und ihre Mutter Margarethe Goldstein, an Elisabeth und Margarethe Blumenthal, an Herta Mansbacher, Elly Skurnik oder Frieda Hebel...
Meine Damen und Herren,
heute, genau am 150. Jahrestag der Liberalen Synagoge, fügen wir dem Darmstädter Stadtbild eine fünfte ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG-Gedenktafel hinzu (und es wird nicht die letzte sein!):
Heute ehren wir, eingedenk seines 70. Todestags, die – neben Rabbi Julius Landsberger – zweite, herausragende LICHTGESTALT des Darmstädter Reformjudentums, den nicht minder wort- und redegewandten, kämpferischen und klugen Rabbiner und obersten Thora-Gelehrten
Dr. BRUNO ITALIENER….
Und, ich glaube, dass er, Rabbi Bruno Italiener, heute am 23. Februar 2026 – oben auf seiner Wolke sitzt, uns seinen Segen gibt und sich freut, nicht so sehr über seine eigene Ehrung, sondern darüber, dass wir heute SEINER Liberalen Synagoge von 1876 gedenken.
Jenem Jüdischen Gottes- und Versammlungshaus und jener großen liberalen Darmstädter Jüdischen Gemeinde, der sog. Israelitischen Religionsgemeinde, für die er eine zwanzigjährige Ära prägte – von 1907 bis 1927.
Wir ehren heute einen Mann, der ein deutschlandweit hoch angesehener weltoffen-liberaler Rabbiner war, ähnlich wie Landsberger geprägt durch die Lessingsche Toleranz.
Einen, der sich in erster Linie als Deutscher Staatsbürger sah – und erst in zweiter Linie als Jude.
Einen Mann, der vier Leben lebte: Kindheit und Jugend in Niedersachsen, geboren in Burgdorf bei Hannover…. Geboren am 2. Februar 1881 …im heutigen Niedersachsen...
Als Sohn eines deutsch-jüdischen Kultusbeamten und Lehrers, der auch als Vorbeter, Kantor, Rechnungsführer und Schächter der dortigen Gemeinde tätig war: Josef Italiener, die Mutter: Marianne geb. Adler, kam aus einer angesehenen Burgdorfer Familie,
Er studierte breit, in Breslau und Erlangen – die Fächer Philosophie, wie Landsberger Orientalische Philologie und Literaturgeschichte an der Universität Breslau
Rabbinerausbildung in Breslau, Studium in Erlangen: Von 1899 bis 1903 Philosophie, Orientalische Philologie und Literaturgeschichte an der Universität Breslau, von 1899 bis Januar 1908 am Jüdisch-Theologischen Fraenkel-Seminar in Breslau, 1908 Rabbinats-Diplom. Von 1903-1904 Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen....
Wir ehren heute einen Mann, der wie so viele Deutsche jüdischen Glaubens kaisertreu tapfer für ihr deutsches Vaterland im Ersten Weltkrieg kämpften – Italiener als Feldrabbiner, einer von 30 im gesamten, gewaltigen deutschen Heer…
Er erlebte den Schrecken, das Inferno des Schützengrabenkriegs von Verdun und anderswo, das millionenfache Sterben des 1. Weltkriegs hautnah…
Nach dem Kriegsdienst kehrte Italiener zurück in seine Wahl-Heimat Darmstadt und Südhessen, setzte seine Amtszeit als oberster Rabbiner der Liberalen Jüdische Gemeinde fort.
Aber der Krieg und der Versuch Hindenburgs und Ludendorffs, deutsch-nationaler, rechtsextremer und demokratiefeindlicher Kräfte, schon bald der Nazis um Hitler, den Deutschen jüdischen Glaubens die Schuld an der Kriegsniederlage zuzuweisen, sie zum Sündenbock zu machen, wandelte Rabbi Bruno Italiener für immer:
Aus dem zu Kaisers Zeiten patriotischen Monarchie-Anhänger wurde ein überzeugter, leidenschaftlicher Verteidiger der Demokratie, ein Republikaner und mutiger, aufrechter Kämpfer gegen den wachsenden Antisemitismus.
Rabbi Bruno Italiener machte sich in ganz Deutschland einen Namen – und sagte mit seiner vielbeachten Schrift gegen den explodierenden Judenhass „Waffen im Abwehrkampf“ von 1920 dem Gift des Antisemitismus, Hass und Hetze den Kampf an.
Dieser Kampf geriet zu seinem Lebensthema: Bis zu seinem tragischen Unfalltod am 17. Juli 1956 im von den Nazis erzwungenen, unfreiwilligen Londoner Exil trieb ihn der Kampf gegen Judenhass um, das Engagement für die volle Gleichberechtigung von Menschen jüdischen Glaubens, aber auch der berühmte Satz Martin Bubers: „Der Mensch wird am Du zum Ich. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
Immer wieder betonte Rabbi Bruno Italiener sein Credo, dass die Deutschen jüdischen Glaubens selbstverständlicher, voll gleichberechtigter Teil der deutschen Gesellschaft seien. Tiefe Enttäuschung darüber, dass die gezeigte Loyalität der Deutschen jüdischen Glaubens im Ersten Weltkrieg von der christlichen Mehrheitsgesellschaft nicht positiv erwidert wurde.
Synagogen-Jubiläum und Welt-Union des progressiven Judentums: 1926 hielt Rabbi Italiener eine auf viel Resonanz stoßende Festpredigt in Darmstadt zum 50. Synagogen-Jubiläum, im gleichen Jahr war er Mitbegründer der World Union for Progessive Judaism...
Italiener, der Zeitgenosse Wilhelm Leuschners, Carlo Mierendorffs, Julius Goldsteins, Friedrich Gundolfs, Gustav Hartungs und Großherzog Ernst Ludwigs war, gehörte aber als Kosmopolit und Humanist, der er war, neben seinem Freund und Weggefährten Leo Baeck, zu den führenden Figuren des progressiven Reformjudentums in Europa und auf der Welt. Gehörte nicht umsonst zu den Mitbegründern der World Union for Progressive Judaism, deren Vorsitzender Leo Baeck später sein sollte.
Italiener engagierte sich in seiner Darmstädter Zeit ganz im Sinne der jüdischen „Zadaka“, des jüdischen ethischen Rechtskonzepts für soziale GERECHTIGKEIT und soziale WOHLTÄTIGKEIT gegenüber Armen, Hilfs- und Schutzbedürftigen.
Schon im 1.Weltkrieg von 1914-18 hatte Italiener sich für die Kriegsverletzten und -versehrten, fürs Lazarettwesen eingesetzt – Bruno Italiener verstand sich zeitlebens als ein Samariter.
Er engagierte sich nach der Novemberevolution für eine Neuordnung des Darmstädter Schulwesens, für Bildung für alle.
Und er erwarb sich kulturpolitisch hohe, bleibende Verdienste als Retter und Lordsiegelbewahrer der kulturell kostbaren Darmstädter Pessach-Haggadah von 1430, aus dem 15. Jahrhundert. Jener einzigartigen spätmittelalterlichen Jüdischen Handschriftenkunst des Meirs von Heidelberg, die bis heute als Meilenstein gilt und deren Originale in der Hessischen Univ. und Landesbibliothek lagern. Bruno Italiener sorgte für eine fundierte Faksimile-Edition der Darmstädter Haggadah von 1927, die heute noch als Standardwerk gilt.
Bruno Italiener war nicht nur charismatischer, wortgewandter Kanzelredner und Rabbiner, sondern auch weltoffener, weltgewandter Denker, Publizist, Mann der Wissenschaft und wehrhafter Kämpfer gegen den stark anwachsenden Antisemitismus der Weimarer Republik: Zahlreiche Aufsätze zur Wissenschaft des Judentums….
Auch schrieb Italiener u.a. für die von Prof. Dr. Julius Goldstein herausgegebene angesehene Zeitschrift „Der Morgen“, dem Zentralorgan des Centralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dem er selbst lange angehörte.
Aber Rabbi Bruno Italiener war kein Provinz-Rabbiner, sondern genoss deutsch- und europaweites Renommee:
Kein Wunder also, dass man ihn, in der Endphase der Weimarer Demokratie, von Anfang 1928 bis Anfang 1939 als Rabbiner der großen Hamburger liberalen Templer-Gemeinde berief…
Dort prägte er eine ähnlich nachhaltige, erfolgreiche Rabbiner-Ära wie zuvor in Darmstadt: Der Höhepunkt seiner
Elfjährigen Hamburger Zeit war die Einweihung einer letzten, im modernen Bauhaus-Stil errichteten großen Synagogen Deutschlands, der Hamburger Templersynagoge von 1931.
Es gehört zu den Pikanterien der Hamburger, aber auch westdeutschen Nachkriegsgeschichte, dass dort, wo die 1938 zerstörte Liberale Templersynagoge stand, in den 1950er Jahren ein Ton-, Musik- und Konzerthaus des heutigen NDRs entstand, der sog. Rolf Liebermann-Konzertsaal. Jahrzehntelang verschwieg man, dass man sich da auf dem heiligen Boden von Bruno Italieners Templer-Synagoge befand, ohne jedes Geschichts- und Unrechtsbewusstsein. Erst in den 1980er Jahren kam ein Mahnmal mit kleiner Gedenktafel hinzu.
Doch im November 1938 musste Italiener erleben, wie die SA-Schergen sowohl die Liberale Synagoge seiner langjährigen Darmstädter Hauptwirkungsstätte als auch die moderne Templer-Synagoge der Hansestadt Hamburg im Furor der Novemberpogrome zerstörte…
Er, seine Frau Hedwig und seine beiden Töchter mussten, gewaltsam aus ihrer geliebten deutschen Heimat vertrieben, über Belgien nach Südengland fliehen.
Nein, meine Damen und Herren, es war keine „Emigration“, keine freiwillige Auswanderung, sondern eine gewaltsame Heimatvertreibung unter Zwang. Dort, in London, begann Rabbi Bruno Italiener sein VIERTES Leben:
Zwischen Mai 1939 und 1941 Arbeit beim Bernhard Baron Center im East End an der St. George's Jewish Settlement Synagogue und an der West Central Liberal Synagogue in London. Mitorganisator der Kindertransporte des Children Hostel Mapesbury Road von Nazi-Deutschland ins rettende England. Von 1941 bis 1951 als zweiter Rabbiner an der West London Synagogue of British Jews (eine Stelle, die eigens für ihn geschaffen worden war). Die Familie Italiener fand privat eine Bleibe in der Abbey Road, unweit des Regent’s Parks. Zudem Gründungs-Rabbi der Southport Reform Synagoge von 1948 an. Engagement in der World Union for Progressive Judaism, der Society of Jewish Study, der Association of Jewish Refugees und dem United Restitution Office. Dozent für Kurse der Erwachsenenbildung. Im Lauf der 1940er als deutsche Heimatvertriebene britische Staatsbürger.
Auch nach seinem Ruhestand 1951 blieb er weiter aktiv als Rabbiner und jüdischer Gelehrter, Arbeit an der Edition zweier Festschriften für seinen engen Weggefährten und Freund Leo Baeck, zahlreiche wissenschaftliche Beiträge, theologische und philosophische Essays, reger Publizist (etwa über Martin Buber), starkes Engagement bis zum Ende seines Lebens im britischen liberalen Reformjudentum.
Überliefert ist auch ein Briefwechsel Italieners mit Karl Wolfskehl: Fand 1946 statt, als der berühmte Sohn Otto Wolfskehls und renommierte deutsche Dichter in seinem neuseeländischen Exil in Auckland weilte.
Das Rabbi Bruno Italiener-Familiengrab auf dem Hoop Lane Jewish Cemetery, Golders Green, London Borough of Barnet, Greater London, England.
Er war auch, wenn auch nur für kurze Zeit, Gast-Rabbiner in West-Berlin nach der Befreiung von der NS-Diktatur: 1954/55 predigte Bruno Italiener in der Spree-Metropole. Tod im unfreiwilligen London-Exil, infolge eines häuslichen Unfalls: Am 17. Juli 1956 erlag Bruno Italiener seinen Verletzungen. Er starb, jäh aus dem Leben gerissen, im Alter von 75 Jahren. Familiengrab auf dem Hoop Lane Jewish Cemetery, Golders Green, London Borough of Barnet, Greater London, England.
Nachrufe hoben seinen liebenswürdigen, fein gebildeten und stets hilfsbereiten Charakter hervor.
Was meine Damen und Herren, hätte er, was hätte Rabbi Bruno Italiener wohl dazu gesagt, dass wir heute, 70 Jahre nach seinem Tod, und 150 Jahre nach der feierlichen Einweihung seiner großen Liberalen Synagoge wieder einen Tsunami des Antisemitismus, eine gewaltige Welle des Judenhasses erleben?
Ich bin sicher, Bruno Italiener, würde sich auch heute wieder, wie zu seinen Lebzeiten, entschieden gegen Antisemitismus jedweder Art, gegen Israel-Hass, für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Kultur für alle mit ganzer Kraft einsetzen.
Er würde heute das sagen und den Antisemiten dieser Welt ins Stammbuch schreiben, was er ihnen schon 1920 in seinem Werk „Waffen im Abwehrkampf“ – im Abwehrkampf gegen den Judenhass ins Stammbuch schrieb:
"Vier Jahre lang habe ich Euch mit meinen Ansprachen mit der Hoffnung erfüllt, Eure Opfer würden nicht vergeblich sein. Wir glaubten, das Blut unserer gefallenen Soldaten, die Tränen unserer Frauen und Mütter, müssten zusammenfließen zu einem heiligen Strom und hinwegspülen den Wall des Hasses, den jahrhundertealtes Vorurteil gegen uns Juden in unserem deutschen Vaterlande aufgerichtet hatte.
Die Hoffnung trog! Schlimmer als je brandet die Woge des Judenhasses. Ihr habt da draußen so manchem Grauen standgehalten – Ihr werdet auch mit diesem Abwehrkampfe fertigwerden.
Nicht weich werden! Es geht um Euer heiliges Recht an Eure deutsche Heimat, es geht um Euer Liebstes – im wahren Sinne des Wortes – um das Leben Eurer Mutter, Eurer Frau, Eurer Kinder.
Wenn aber doch in stillen Stunden das heiße Weh Euch zu übermannen droht, im eigenen Vaterland den Bruderkampf führen zu müssen gegen den, mit dem ihr vielleicht vier Jahre lang im gleichen Unterstand lagt, und der Euch jetzt verhetzt, mit bitterem Haß verfolgt – dann denkt an die Toten, Juden wie Christen, die wir draußen ließen. Sie alle sind gefallen für ein innerlich geeintes deutsches Volk, die Meute, die uns jetzt umkläfft, schändet auch ihren Namen. Kameraden, ihnen zur Ehr‘, Euch zur Wehr, braucht ihr diese Waffen.“
(Bruno Italiener 1920, Vorwort Waffen im Abwehrkampf)
Meine Damen und Herren,
der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts, des Jahres 2026 hat heute viele Gesichter: er kommt rechtsextrem und durch alte und neue Nazis daher, aber auch islamistisch, linksradikal und bis tief in die bürgerliche Mitte.
Aber ich bin sicher, dass Bruno Italiener, lebte er heute, die digitalen Medien, Tiktok & Co nutzen würde, um gegen den Antisemitismus zu kämpfen, für Menschenwürde, Toleranz und Demokratie.
Und er, der Orientalist, würde positive leuchtende Beispiele nennen von Menschen etwa muslimischen Glaubens, die gegen Judenhass und für Anstand und Menschlichkeit eintraten: Menschen wie
Mohamed Helmy (Berlin): Der ägyptische Arzt versteckte Anna Boros und ihre Familie in Berlin und versorgte sie mit Lebensmitteln, wofür er von Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde.
Pariser Moschee: Während des Zweiten Weltkriegs halfen Muslime in der Pariser Moschee Juden, indem sie ihnen Zuflucht gewährten und falsche Dokumente ausstellten, die sie als Muslime auswiesen.
Iranische Rettung in Paris: Der iranische Diplomat Abdol Hossein Sardari rettete im besetzten Paris schätzungsweise 2.000 iranische Juden, indem er die Nazis von deren "arischer" Herkunft überzeugte.
Oder sogar ein ganzes Volk, Albanien, das während der Nazi-Zeit Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung und Vernichtung rettete und schützte. Besa in Albanien: Die albanische Tradition der Besa (ein Ehrenkodex, "ein Versprechen halten") führte dazu, dass fast alle Juden in Albanien während der Besatzung überlebten. Muslimische Familien nahmen jüdische Flüchtlinge auf.
Und Bruno Italiener hätte gerade muslimischen Jugendlichen gesagt: Judenhass ist Menschenhass, und der Kampf gegen Menschenhass geht uns alle an, auch Euch. Jeder und jede Deutsche, egal welcher Herkunft und egal mit welchen Wurzeln, muss sich die Geschichte dieses Landes und damit auch die der Shoah aneignen, sich der Verantwortung des NIE WIEDER stellen.
Und er würde sich an die heutige Jugend richten und ihnen sagen: Fragt einmal in der eigenen Familie nach, was Eure eigenen Ur-Großväter und Großväter und -Mütter in der NS-Zeit getan haben. Brecht das Schweigen in den Familien, schaut auf die Millionen Täter und Mittäter.
Italiener würde sagen: Ihr seid nicht verantwortlich für die Shoah, den Völkermord an Europas Jüdinnen und Juden, wohl aber dafür, dass so etwas sich nie wieder geschieht.
Lassen Sie mich Eva Szepesi, die Auschwitz -Überlebende zitieren: „Die Shoah begann nicht mit Auschwitz. Sie begann mit Worten. Sie begann mit dem Schweigen und Wegschauen der Gesellschaft.“
Und ich zitiere Jean Améry, der eigentlich Han(n)s Mayer hieß, der ebenfalls die Hölle des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (und später von Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen) überlebte, von dem der Satz stammt:
„Niemand kann aus der Geschichte seines Volkes austreten. Man soll und darf die Vergangenheit nicht ‚auf sich beruhen lassen', weil sie sonst auferstehen und zu neuer Gegenwärtigkeit werden könnte.“
Meine Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler,
150 Jahre Liberale Synagoge und der 70. Todestag Rabbi Bruno Italieners sind Anlass, herzlichen Dank zu sagen:
Allen voran möchte ich dem ehemaligen Oberbürgermeister Peter Benz danken, dessen bleibendes, hohes Verdienst es ist, diese Gedenkstätte Liberale Synagoge gegen heftige Widerstände 2003 durchgesetzt zu haben. Er war es, der die im Okt. 2003 wiederentdeckten Überreste sichern ließ, Ideen, die Funde wegzuschaffen und woanders wieder aufzubauen, Einhalt gebot, und der dafür sorgte, dass eine von ihm einberufene Gedenkstätten-AG 2003-2005 die komplette Konzeption des künftigen Erinnerungsorts ersann.
Peter Benz, der seit 2011 bis heute Vorstandsmitglied unseres Fördervereins Liberale Synagoge ist: Sein Name wird für immer mit der Rettung der Liberale Synagoge-Überreste und der Schaffung dieses in Europa einzigartigen Erinnerungsorts verbunden sein.
Da können Sie gern mal klatschen, meine Damen und Herren.
Ich freue mich auch, dass Rüdiger Grundmann da ist, ohne dessen Geistesgegenwart die Funde 2003 wohl nicht rechtzeitig entdeckt worden wären…
Ich danke hier auch allen Aktiven in unserem Förderverein Liberale Synagoge, der in diesem Jahr – gegründet am 25.
Januar 2011 auf der Mathildenhöhe – sein 15jähriges Bestehen feiert, allen voran
Meiner langjährigen, loyalen Stellv. Barbara Ludwig, ohne die ich hier nicht stünde
Ich danke meinem Stellv. in den frühen Jahren unseres Fördervereins, Klaus Feuchtinger - und vielen Anderen FLS-Aktiven im Lauf der letzten fünfzehn Jahre!
Ich danke posthum Gabriella Deppert und
einer weiteren engen Weggefährtin und Freundin des Vereins, Ruth Wagner, die erst vor kurzem von uns gegangen ist… und die eng mit unserm Verein verbunden war...
Herzlicher Dank geht an den Designer und Modellbauer Christian Häussler, den Schöpfer des wunderbaren Liberale Synagoge-Modells von 2006, von dem die wunderschöne Aquarellzeichnung der Liberalen Synagoge Friedrichstr.2 stammt, die nun unsere neue Tafel maßgeblich ziert…
Unser DANK gilt OB Hanno Benz für seine Solidarität und Unterstützung
Unser großer Dank geht an Sparkasse Darmstadt mit Sascha Ahnert, ohne wir die neue Gedenktafel nicht hätte stemmen können
Dank an den Landtagsabgeordneten Bijan Kaffenberger für seine Hilfe
Ich danke ebenfalls dem Darmstädter Förderkreis Kultur
außerdem danke ich Nicole Schneider und Linda Klenk.
GROSSER DANK geht an Gerd Pelzer, der seit 2011 in enger Zusammenarbeit mit uns all unsere Gedenktafeln geschaffen hat, auch die heutige...
Und ich danke unserer Musikerin und guten Freundin des Vereins, der wunderbaren und einzigartigen Irith Gabriely, der Darmstädter Queen of Klezmer, vielen Dank für die wunderbare Musik, liebe Irith!
Da können Sie gern mal klatschen, meine Damen und Herren...
Zum guten Schluss möchte ich heute unser nächstes Projekt ankündigen: Darmstadt braucht eine Rabbi Bruno Italiener-Straße und Darmstadt braucht einen Julius Goldstein-Platz mit Gedenktafel.
Wir hoffen, das neue Projekt des Fördervereins Liberale Synagoge zu Ehren Julius Goldsteins im Herbst 2026 in die Tat umsetzen zu können.
Und wir hoffen sehr, dass der langjährige Traum einer Virtuellen 3-D- Rekonstruktion der Liberalen Synagoge bald, vielleicht ja im Jubiläumsjahr 2026 dank des Teams um Marc Grellert an der TU Darmstadt Wirklichkeit wird.
2029, in drei Jahren, feiern wir wieder: Den 20. Jahrestag der von Peter Benz geschaffenen Gedenkstätte Liberale Synagoge – eingeweiht am 9. Nov. 2009…
Fritz Bauer, der Vater des Frankfurter Auschwitz-Prozesses und Hessische Generalstaatsanwalt, sagte einmal:
"Es gab in Deutschland nicht nur den Nazi Hitler und den Nazi Himmler… Es gab Hunderttausende, Millionen anderer, die das das, was geschehen ist, nicht nur durchgeführt haben, weil es befohlen war, sondern weil es ihre eigene Weltanschauung war. Leute, die ihren eigenen Nationalsozialismus verwirklichten..."
Daher, so FRITZ BAUER, gelte für alle Zeit:
"Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden."
ZUKUNFT braucht Erinnerung – Erinnern heißt HANDELN! Für ein geschichtsbewusstes und weltoffenes, liberales Darmstadt!
Meine Damen und Herren, wir hören nun noch zwei Musikstücke von Irith Gabriely, zum einen Yerushalayim shell Zahav, also Jerusalem aus Gold (hebräisch יְרוּשָׁלַיִם שֶׁל זָהָב Jərūschalajim schel Sahav) - das populäre israelische Lied der Sängerin und Komponistin Naomi Schemer aus dem Jahr 1967 - und dann zu guter Letzt die Hatikva zum Mitsingen...!
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.