Während der NS-Zeit war die Darmstädterin Käthe Kern jahrelang so etwas wie die "Privatsekretärin" Wilhelm Leuschners im gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Widerstandsnetzwerk des ehemaligen hessischen Innenministers. Ihre gefährliche Untergrundarbeit für den zivilen Flügel des 20. Juli 1944 geriet bis vor wenigen Jahren weitgehend in Vergessenheit. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin ermöglichte jedoch 2023 in ihrer aktuellen Reihe "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" die Veröffentlichung eines Buches über Käthe Kern mit dem Titel "Man lebt ja nicht um seiner selbst willen. Die Frauenrechtlerin Käthe Kern und der 20. Juli 1944" von Ludger Fittkau. Der Autor stellt das Leben und Wirken der Darmstädter Widerstands-Netzwerkerin und Leuschner-Weggefährtin Käthe Kern an diesem Abend vor.
Kurzbio Käthe Kern:
Geboren am 22. Juni 1900 in DA, gestorben am 16.04
1985 in Ostberlin. Nach Schule in Darmstadt und Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten machte sie Gewerkschaftsarbeit und war überdies von 1928 bis 1933 im SPD-Bezirksvorstand Berlin für die Frauenarbeit zuständig. Nach der illegalen Arbeit für den Leuschner-Kreis während der NS-Zeit und dem Kriegsende entschied sich Käthe Kern, in Ost-Berlin zu bleiben und war dort Mitglied im Zentralkommittee der SED. Während des Kalten Krieges übergab sie in Darmstadt dem "Leuschner-Mann" Ludwig Bergsträsser heimlich Material für eine geplante Leuschner-Biografie, die in der DDR zu diesem Zeitpunkt verboten wurde.
Der Referent Dr. Ludger Fittkau:
geb. 1959 in Essen, Studien der Sozialpäd. und Sozialwissenschaften in Essen und Hagen. Promotion im Fach Soziologie. Langjährige Tätigkeit als Radiojournalist, Buchautor u.a. zur Geschichte des Ruhrgebiets sowie zum zivilem Flügel des 20. JULI 1944.
Die 1888 in Biebrich (heute Teil von Wiesbaden) geborene Tochter einer jüdisch-orthodoxen Rabbinerfamilie verließ gegen den Willen ihrer Eltern nach dem Abschluss der Höheren Töchterschule ihr Elternhaus, absolvierte in Frankfurt eine kaufmännische Lehre und trat 1908 der SPD bei. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 kam sie aus Paris zurück. Sie engagierte sich zusammen mit ihrem Lebensgefährten Robert Dißmann (1878-1926) in der Friedensbewegung und von 1917 an in der USPD. Während der Novemberrevolution von 1918 wurde sie als einzige Frau Mitglied des Frankfurter Arbeiter- und Soldatenrates und 1920 als Abgeordnete in den Berliner Reichstag gewählt. Nebenher studierte sie Nationalökonomie. Sie war im Deutschen Metallarbeiter-Verband aktiv und gab von 1928 an zudem die SPD-Zeitung „Frauenwelt“ heraus.
1933 floh sie - gewaltsam aus ihrer deutschen Heimat vertrieben - zunächst nach Prag, wurde 1935 im US-Exil in New York ansässig, wo sie für den OSS, den US-Geheimdienst, Lageberichte über das Deutsche Reich verfasste und - einem Aufruf folgend - ihre Erinnerungen schrieb. 1944 arbeitete sie als Wirtschaftsspezialistin bei der späteren Flüchtlings-Organisation UNRRA und im Rahmen der Vorbereitungen zur Gründung der UN war sie Repräsentantin der US-Gewerkschaften bzw. des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften. Sie engagierte sich in der UN-Menschenrechtskommission und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Kommission der Vereinten Nationen zur Rechtsstellung der Frau. Gestorben 1964.
Christl Wickert, Jg. 1953, Dr. disc.pol., Historikerin, Publizistin und Kuratorin, letzte Veröffentlichung: Keine Gerechtigkeit. Die ungleiche Unterstützung des KZ-Überlebenden Fritz Bringmann und des SS-Mannes Walter Filsinger nach 1945. Metropol, Berlin 2022. Im Erscheinen begriffen (zusammen mit Anett Dremel): Krankenreviere in Konzentrationslagern. Zum Umgang mit Krankheit und Sterben im nationalsozialistischen Lagersystem, Wallstein, Göttingen 2027.
Wie verändert sich das Leben, wenn im Land eine Diktatur entsteht?
Elisabeth Schumacher konnte das Unrecht nicht mit ansehen und entwickelte sich von einer unpolitischen jungen Frau zu einer Nazigegnerin. Die Grafikerin Elisabeth Schumacher kam 1904 in Darmstadt zur Welt - und gehörte zu einem Freundes- und Widerstandskreis in Berlin, den die Gestapo „Rote Kapelle“ nannte. Es war ein Netzwerk, das Informationen an die Alliierten weitergab, nationalsozialistische Verbrechen dokumentierte und Verfolgten half. Bisher war nur wenig über diese mutige Frau bekannt. Sie geriet in die Fänge der Gestapo und wird zwei Tage vor Heiligabend, am 22. Dezember 1942, in Berlin-Plötzensee ermordet.
Katja Ostheimer (*1969 in Leipzig), lebt in Neumünster (Schleswig-Holstein), studierte Umwelttechnik in Bremerhaven und arbeitet im Fachdienst Natur und Umwelt bei der Stadtverwaltung Neumünster.
Sie wuchs in Leipzig in der Nähe der Elisabeth-Schumacher-Straße auf. Nach jahrelanger Spurensuche entstand in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand diese Biografie.