"Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ George Santayana (1863-1952)

"Freiheitsrechte sind Ausdruck der unantastbaren Menschenwürde und nicht vom Staat gnädig gewährte Privilegien, die zur beliebigen Disposition stehen." Gerhart Baum (1932-2025)

R.I.P. 1940 - 28. Dezember 2025

Zukunft braucht Erinnerung: Hessens freisinnige Jeanne d'Arc der Erinnerungskultur, große, streitbare Darmstädter Liberale, Ruth Wagner, stirbt mit 85

Ein Nachruf von Martin Frenzel

Sie war eine enge Freundin und wohlwollende Weggefährtin des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt, seit dessen Gründung vor 15 Jahren, am 25. Januar 2011, auf der Mathildenhöhe: Jetzt ist diese große, wenn auch streitbare Hessische Liberale, aber auch standfeste Kämpferin für eine aktive Erinnerungskultur, ist die bekennende Südhessin Ruth Wagner, im Alter von 85 Jahren in Darmstadt gestorben.

Dem Credo eines anderen großen Sozialliberalen, Gerhart Baum, fühlte auch sie sich verpflichtet: "Freiheitsrechte sind Ausdruck der unantastbaren Menschenwürde und nicht vom Staat gnädig gewährte Privilegien, die zur beliebigen Disposition stehen."

Die frühere hessische Wissenschafts- und Kunstministerin, stellvertretende Ministerpräsidentin und langjährige Landtagspräsidentin, frühere Darmstädter Stadtverordnete erwarb sich zeitlebens hohe Verdienste um ihr immerwährendes Engagement für eine aktive Erinnerungskultur. Nicht umsonst war sie lange Jahre aktiv in der Hessischen Kommission der Juden in Hessen. Dank Ihres Engagements erschien etwa das Standardwerk mit den Tagebuchaufzeichnungen des bedeutenden deutsch-jüdischen Kultur- und Technikphilosophen Prof. Dr. Julius Goldstein erstmals in einer Gesamtausgabe.

Dem Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt war sie von dessen Gründung am 25.  Januar 2011 an, vor fünfzehn Jahren, stets eng und freundschaftlich verbunden. Ich erinnere mich, wie sie mich Anfang 2011 anrief und - ganz die kämpferische (Sozial-)Liberale, die sie auch war - verlangte, dass auch eine FDP-nahe Person Mitglied im FLS-Vorstand sein müsse. Sie ahnte wohl nicht, dass unser langjähriger, verdienstvoller Schatzmeister Martin Remmele bekennendes FDP-Mitglied war. Nun, sie rannte da bei mir offene Türen ein: Selbst wollte sie nicht im Vorstand mitarbeiten, obwohl ich sie ausdrücklich dazu einlud, aber sie sorgte mit der ihr eigenen Tatkraft dafür, dass ein junge Liberale fürderhin im überparteilichen FLS mittat. Der FLS war und ist bis heute immer offen für alle Demokratinnen und Demokraten.

Als ich Sie bat, wenigstens Mitglied in unserem FLS-Prominentenbeirat zu werden, lehnte sie dies dankend ab - sie legte wert auf ihre Unabhängigkeit.

Dafür blieb Ruth Wagner unserem Verein als Elder States Woman, treue Wegbegleiterin zeitlebens sehr verbunden. Sie machte ihrem althebräischen Vornamen, der für "Freundin", "Gefährtin", "Treue und Loyalität", aber auch "Erquickung" stehen soll, alle Ehre.

Unsere Wege kreuzten sich wieder, als wir, der FLS,  eine Ausstellung mit den fotografischen Werken der Goldstein-Tochter Elsbeth Juda (1911-2014) - erstmals 80 Jahre nach deren gewaltsamer Heimatvertreibung aus Deutschland - in der Darmstädter Kunsthalle Darmstadt initiierten und ermöglichten. Elsbeth kam, im biblischen Alter von fast 102 Jahren, aus ihrer Exil-Heimat London höchstpersönlich in ihre Geburtsstadt Darmstadt zur Vernissage - und war überglücklich. Es war dies eine erinnerungskulturelle Wiedergutmachung der besonderen Art.

Ruth Wagner wusste genau, dass der Förderverein Liberale Synagoge der wahre, eigentliche Motor der Elsbeth Juda-Retrospektive "Bauhaus und Neues Sehen" 2013 war. Als jedoch die beiden Vorredner es nicht über die Lippen bekamen, dem FLS für seine Elsbeth Juda-Fotokunst-Initiative zu danken, stürmte sie, obschon sie bereits als Aufsichtsratsvorsitzende der Kunsthalle gesprochen hatte, noch einmal vor ans Mikrofon, dankte dem FLS und ihrem Vorsitzenden von Herzen, hob dessen maßgebliche Rolle hervor  - und zitierte zum Ende ihrer spontanen, außerplanmäßigen Dankesrede bewusst die Maxime unseres Vereins, "Zukunft braucht Erinnerung". Das Publikum quittierte ihre Stegreifrede mit viel Applaus. Das bleibt unvergessen in Erinnerung.

Ja, genau so war sie, die im positiven Sinne des Wortes, eigensinnige, hartnäckige Liberale und hessische Jeanne d'Arc der Erinnerungskultur. Eine Frau voller Energie, immer gradlinig, wenn sein musste: energisch und mit Rückgrat. Sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand totgeschwiegen werden sollte, da kannte sie nichts. Das konnte so nicht stehenbleiben, das musste sie geraderücken - und das tat sie auch, beherzt, mit dem ihr eigenen Elan, mit offenem Visier. Klug, humorvoll und warmherzig war sie obendrein. Mit einem einnehmenden Lächeln. Und, wie die Amerikaner sagen: Eine "straight lady". Inkonsequenz hasste sie. Wehe dem, der sich mit ihr anlegte: Der musste sich warm anziehen. Zur Gegnerin hätte ich sie nicht haben wollen, Joschka Fischer kann vermutlich ein Lied davon singen.

Ich erinnere mich auch an unsere allerletzte Begegnung: Sie, die man auch Madame Atemlos, eine weibliche Hansdampf in allen Gassen hätte nennen können, die immer auf zahlreichen Hochzeiten gleichzeitig tanzte, hielt im Darmstädter Straßenverkehr mit ihrem Wagen an der Ampel-Fußgängeranlage vom Karolinenplatz zum Schloss - mal wieder unterwegs, mal wieder auf dem Sprung, fortwährend in Bewegung zu einem ihrer vielen Termine, auch und gerade nach Ende ihrer langen Politikerinnen-Ära. Sie sah mich die Straße überqueren, winkte mir hinter der Windschutzscheibe zu, ich erwiderte den Gruß. Das war unsere letzte Begegnung.

Ich wusste ihre kritische, aber immer wohlwollende Solidarität gegenüber dem FLS immer sehr zu schätzen.

Ruth Wagner wird in den Annalen unseres Vereins immer ein festen Platz haben. Die Erinnerungsarbeit und das Erinnern an das Jüdische Hessen war ihr stets eine Herzensangelegenheit.

Jetzt ist diese große (Sozial-)Liberale, die auch streitbar und eigensinnig sein konnte, nach zuletzt gesundheitlich prekären Jahren, im Alter von 85 Jahren in ihrer Heimatstadt Darmstadt am 28. Dezember 2025, kurz nach Weihnachten und kurz vorm Jahreswechsel verstorben. Ihr Tod ist ein enormer Verlust für die hessische, aber auch die Darmstädter Erinnerungskultur.

Mit Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus“. 

Ruhen Sie in Frieden, liebe Frau Wagner, wir werden Ihnen allzeit ein ehrendes Gedenken bewahren. Und, wenn wir aus Ihrer Sicht künftig  nicht alles richtig machen, dann bin ich sicher, dass Sie uns das oben von Ihrer Wolke aus wohlwollend wissen lassen.

 

Martin Frenzel

Darmstadt, 24. Januar 2026

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Zukunft braucht Erinnerung

Zukunft braucht Erinnerung: Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Wanderschau der Gedenkstätte Dt. Widerstand Berlin, präsentiert durch den Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt  - Mi, 27.05.2026 bis Sa, 27. Juni 2026, geöffnet zu den Öffnungszeiten der Stadtbibliothek, Di-Sa, Eröffnung: Di, 26.05.26, 19.30 Uhr, im Justus-Liebig-Haus durch OB Hanno Benz, Eintritt frei

Förderverein Liberale Synagoge lädt alle interessierten Bürger:innen ein:

Zentrale Gedenkzeremonie: Zukunft braucht Erinnerung -150 Jahre Liberale Synagoge und die Darmstädter Rabbi-Legende Bruno Italiener

Rabbi Dr. Bruno Italiener (1881-1956) - Zum 70. Todestag 2026 - Rabbiner, Retter der Darmstädter Pessach-Haggadah, resoluter Kämpfer gegen den Antisemitismus.

TERMIN: Montag, 23. Februar 2026, 11.30 Uhr Beginn. Es reden: OB Hanno Benz, Daniel Neumann (Vors. Jüd. Gemeinde DA), Sven Axt (Vorstandsvors. Klinikum DA) und Martin Frenzel (Vors. des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt). Musik: Irith Gabriely, Darmstadts Queen of Klezmer

Ort: Lortzsche Menora vor der Treppe zur Empore der Gedenkstätte, Klinikumsgelände, Zugang Bleichstr Höhe Gagernstr. oder via Julius-Landsberger-Platz

Zukunft braucht Erinnerung:

Jüdisches Darmstadt-Jubiläums-Rundgang  II (im Zeichen des 150. Jahrestags der Liberalen Synagoge Darmstadt): 150 Jahre Liberale Synagoge Darmstadt - Auf den Spuren eines Jüdischen Gotteshauses

Von der Einweihung 1876 über die Zerstörung im Novemberpogrom 1938 bis zur Wiederentdeckung der Überreste 2003            Februar-Termin: Montag, 23. Februar 2026, 15.30 Uhr, Teilnahme kostenlos, Spende erbeten, Voranmeldung notwendig: [email protected],  Treffpunkt: Lortzsche Menora vor der Treppe zur Empore der Gedenkstätte, Klinikumsgelände, Zugang Bleichstr Höhe Gagernstr. oder via Julius-Landsberger-Platz

FLS-Vortrags- und Filmabend im JUstus-Liebig-Haus (23.02.26):

150 Jahre Liberale Synagoge und die Darmstädter Rabbi-Legende Dr.Bruno Italiener

Juni 2026:                      FLS-Rundgang JÜDISCHES DARMSTADT - Auf den Spuren des spät geehrten SV Darmstadt 98-Vorsitzenden Karl Heß und Jüdische Sportler (Howard Adler, Hans Juda) Termin (NEU!): Sonntag, 21. Juni (21.06.) 2026, 14.30 Uhr, Treffpunkt: Karl-Heß-Platz an der gleichnamigen Gedenktafel, Eingang Merck-Stadion am Böllenfalltor, von ort mit Linie 9 zum Luisenplatz und zur Lib Syn-Gedenkstätte,  Um Voranmeldung unter [email protected]

ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG: Darmstadt braucht einen Julius-Goldstein-Platz mit Gedenktafel Herbst 2026

GEGEN DAS VERGESSEN: Zum 153. Geburtstag des Kultur- und Technikphilosophen von Rang: Professor Dr. Julius Goldstein (1873-1929) - 29.Oktober 2026

Neue Benefizspendenkampagne des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt: Darmstadt braucht einen Julius Goldstein-Platz mit Gedenktafel Herbst 2026!"

Der Karl Heß-Platz: eingeweiht auf Initiative des FÖRDERVEREINS LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT e.V. am 15. Januar  2017

ZUKUNFT BRAUCHT ERINNERUNG: 14. Darmstädter Aktionswochen gegen Antisemitismus 2026:  Gegen jeden Antisemitismus! Stoppt den Terror der Hamas, der Hisbollah und ihrer Helfershelfer!

23. Oktober 2026 bis 22. Februar 2027

Mai 2026:

Jüdisches Darmstadt-Rundgang: Auf den Spuren der Liberale Synagoge, der vier Liberalen Rabbiner und Jüdischer Frauen

März-Termin: Sonntag (NEU!),  17. Mai 2026 14.30 Uhr, Teilnahme kostenlos, Spende erbeten, Voranmeldung notwendig: [email protected],  Treffpunkt: an der Lortzschen Menora, Entrée zur Liberale Synagoge- Gedenkstätte Klinikumsgelände, Zugang Bleichstr. Höhe Gagernstr.

Zukunft braucht Erinnerung!

FLS-Rundgang: Jüdisches Darmstadt - Auf den Spuren der Liberalen Synagoge, Hertha Mansbachers, Helga Kellers, Jenny Jeidels-Stamm, der Rabbis Julius Landsbergers und Bruno Italieners und des Philosophen Julius Goldstein

April 2026-Termin: 26. April 2026, 14.30 Uhr, Teilnahme kostenlos, Voranmeldung aber unbedingt erforderlich! Treffpunkt (Start): Beckstr. 87 (nahe der Heinrichstr.),  ehem. Wohnung der Familie Goldstein, von dort via Linie 9 via Luisenplatz zur Gedenkstätte Liberale Synagoge Klinikumsgelände

Voranmeldung erforderlich: [email protected]

Zukunft braucht Erinnerung:

Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)
Bürgerehrung 2014: OB Partsch, Martin Frenzel / Foto: Gabriele Claus (FLS)

Bürgerehrung 2014 für den FLS-Gründer & Vorsitzenden Martin Frenzel: Für jahrelanges, herausragendes Wirken in Sachen ehrenamtlicher Erinnerungsarbeit wurde Martin Frenzel am 30. April 2014 in der Orangerie mit der Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet. Mehr unter Pressespiegel/Wir über uns. 

Der Förderverein Liberale Synagoge hat  zudem am 20.Mai 2014 den 2. Preis GESICHT ZEIGEN  für Zivilcourage und gegen Rassismus 2014 erhalten. Die Verleihung fand im Justus-Liebig-Haus durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt statt. Der Preis wurde in Anerkennung des ehrenamtlich-erinnerungskulturellen Engagements für ein weltoffenes Darmstadt durch Oberbürgermeister Partsch vergeben.

OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus
OB Partsch überreicht den GESICHT ZEIGEN!-Preis an FLS-Vorsitzender Martin Frenzel Foto: Gabriele Claus

Der FÖRDERVEREIN LIBERALE SYNAGOGE DARMSTADT e.V. hat "für sein besonderes

Engagement" in Sachen aktiver Erinnerungskultur den Ludwig-Metzger-
Anerkennungs-preis 2013 erhalten.

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