Sie war eine enge Freundin und wohlwollende Weggefährtin des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt, seit dessen Gründung vor 15 Jahren, am 25. Januar 2011, auf der Mathildenhöhe: Jetzt ist diese große, wenn auch streitbare Hessische Liberale, aber auch standfeste Kämpferin für eine aktive Erinnerungskultur, ist die bekennende Südhessin Ruth Wagner, im Alter von 85 Jahren in Darmstadt gestorben.
Dem Credo eines anderen großen Sozialliberalen, Gerhart Baum, fühlte auch sie sich verpflichtet: "Freiheitsrechte sind Ausdruck der unantastbaren Menschenwürde und nicht vom Staat gnädig gewährte Privilegien, die zur beliebigen Disposition stehen."
Die frühere hessische Wissenschafts- und Kunstministerin, stellvertretende Ministerpräsidentin und langjährige Landtagspräsidentin, frühere Darmstädter Stadtverordnete erwarb sich zeitlebens hohe Verdienste um ihr immerwährendes Engagement für eine aktive Erinnerungskultur. Nicht umsonst war sie lange Jahre aktiv in der Hessischen Kommission der Juden in Hessen. Dank Ihres Engagements erschien etwa das Standardwerk mit den Tagebuchaufzeichnungen des bedeutenden deutsch-jüdischen Kultur- und Technikphilosophen Prof. Dr. Julius Goldstein erstmals in einer Gesamtausgabe.
Dem Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt war sie von dessen Gründung am 25. Januar 2011 an, vor fünfzehn Jahren, stets eng und freundschaftlich verbunden. Ich erinnere mich, wie sie mich Anfang 2011 anrief und - ganz die kämpferische (Sozial-)Liberale, die sie auch war - verlangte, dass auch eine FDP-nahe Person Mitglied im FLS-Vorstand sein müsse. Sie ahnte wohl nicht, dass unser langjähriger, verdienstvoller Schatzmeister Martin Remmele bekennendes FDP-Mitglied war. Nun, sie rannte da bei mir offene Türen ein: Selbst wollte sie nicht im Vorstand mitarbeiten, obwohl ich sie ausdrücklich dazu einlud, aber sie sorgte mit der ihr eigenen Tatkraft dafür, dass ein junge Liberale fürderhin im überparteilichen FLS mittat. Der FLS war und ist bis heute immer offen für alle Demokratinnen und Demokraten.
Als ich Sie bat, wenigstens Mitglied in unserem FLS-Prominentenbeirat zu werden, lehnte sie dies dankend ab - sie legte wert auf ihre Unabhängigkeit.
Dafür blieb Ruth Wagner unserem Verein als Elder States Woman, treue Wegbegleiterin zeitlebens sehr verbunden. Sie machte ihrem althebräischen Vornamen, der für "Freundin", "Gefährtin", "Treue und Loyalität", aber auch "Erquickung" stehen soll, alle Ehre.
Unsere Wege kreuzten sich wieder, als wir, der FLS, eine Ausstellung mit den fotografischen Werken der Goldstein-Tochter Elsbeth Juda (1911-2014) - erstmals 80 Jahre nach deren gewaltsamer Heimatvertreibung aus Deutschland - in der Darmstädter Kunsthalle Darmstadt initiierten und ermöglichten. Elsbeth kam, im biblischen Alter von fast 102 Jahren, aus ihrer Exil-Heimat London höchstpersönlich in ihre Geburtsstadt Darmstadt zur Vernissage - und war überglücklich. Es war dies eine erinnerungskulturelle Wiedergutmachung der besonderen Art.
Ruth Wagner wusste genau, dass der Förderverein Liberale Synagoge der wahre, eigentliche Motor der Elsbeth Juda-Retrospektive "Bauhaus und Neues Sehen" 2013 war. Als jedoch die beiden Vorredner es nicht über die Lippen bekamen, dem FLS für seine Elsbeth Juda-Fotokunst-Initiative zu danken, stürmte sie, obschon sie bereits als Aufsichtsratsvorsitzende der Kunsthalle gesprochen hatte, noch einmal vor ans Mikrofon, dankte dem FLS und ihrem Vorsitzenden von Herzen, hob dessen maßgebliche Rolle hervor - und zitierte zum Ende ihrer spontanen, außerplanmäßigen Dankesrede bewusst die Maxime unseres Vereins, "Zukunft braucht Erinnerung". Das Publikum quittierte ihre Stegreifrede mit viel Applaus. Das bleibt unvergessen in Erinnerung.
Ja, genau so war sie, die im positiven Sinne des Wortes, eigensinnige, hartnäckige Liberale und hessische Jeanne d'Arc der Erinnerungskultur. Eine Frau voller Energie, immer gradlinig, wenn sein musste: energisch und mit Rückgrat. Sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand totgeschwiegen werden sollte, da kannte sie nichts. Das konnte so nicht stehenbleiben, das musste sie geraderücken - und das tat sie auch, beherzt, mit dem ihr eigenen Elan, mit offenem Visier. Klug, humorvoll und warmherzig war sie obendrein. Mit einem einnehmenden Lächeln. Und, wie die Amerikaner sagen: Eine "straight lady". Inkonsequenz hasste sie. Wehe dem, der sich mit ihr anlegte: Der musste sich warm anziehen. Zur Gegnerin hätte ich sie nicht haben wollen, Joschka Fischer kann vermutlich ein Lied davon singen.
Ich erinnere mich auch an unsere allerletzte Begegnung: Sie, die man auch Madame Atemlos, eine weibliche Hansdampf in allen Gassen hätte nennen können, die immer auf zahlreichen Hochzeiten gleichzeitig tanzte, hielt im Darmstädter Straßenverkehr mit ihrem Wagen an der Ampel-Fußgängeranlage vom Karolinenplatz zum Schloss - mal wieder unterwegs, mal wieder auf dem Sprung, fortwährend in Bewegung zu einem ihrer vielen Termine, auch und gerade nach Ende ihrer langen Politikerinnen-Ära. Sie sah mich die Straße überqueren, winkte mir hinter der Windschutzscheibe zu, ich erwiderte den Gruß. Das war unsere letzte Begegnung.
Ich wusste ihre kritische, aber immer wohlwollende Solidarität gegenüber dem FLS immer sehr zu schätzen.
Ruth Wagner wird in den Annalen unseres Vereins immer ein festen Platz haben. Die Erinnerungsarbeit und das Erinnern an das Jüdische Hessen war ihr stets eine Herzensangelegenheit.
Jetzt ist diese große (Sozial-)Liberale, die auch streitbar und eigensinnig sein konnte, nach zuletzt gesundheitlich prekären Jahren, im Alter von 85 Jahren in ihrer Heimatstadt Darmstadt am 28. Dezember 2025, kurz nach Weihnachten und kurz vorm Jahreswechsel verstorben. Ihr Tod ist ein enormer Verlust für die hessische, aber auch die Darmstädter Erinnerungskultur.
Mit Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus“.
Ruhen Sie in Frieden, liebe Frau Wagner, wir werden Ihnen allzeit ein ehrendes Gedenken bewahren. Und, wenn wir aus Ihrer Sicht künftig nicht alles richtig machen, dann bin ich sicher, dass Sie uns das oben von Ihrer Wolke aus wohlwollend wissen lassen.
Martin Frenzel
Darmstadt, 24. Januar 2026